Eine Katze namens Spanky

Er selbst bezeichnete sich als »Sorry Entertainer«. Für andere gilt Daniel Johnston als der beste lebende Songwriter der Welt. Da er unter einer bipolaren Störung leidet und Zeit seines Lebens immer wieder zu Aufenthalten in Psychiatrien gezwungen war, wuchs die Legende um seine Songs und seine Comic-Zeichnungen in den Zeiten seiner Abwesenheit ins Unermessliche. Mittlerweile sind Daniel Johnstons Ups und Downs medikamentös so zuverlässig eingestellt, dass er sogar auf Tournee gehen kann – im November erstmals auch durch Deutschland. Anlass genug, um den Sänger bei sich zuhause in Houston anzurufen und sich nach dem heutigen Wohlbefinden zu erkundigen.

Daniel Johnston

Auf den Bühnen der frühen neunziger Jahre, trug Kurt Cobain regelmäßig ein T-Shirt, auf dem Daniel Johnstons Frosch »Hi, How Are You?« fragte. Die Legende wuchs und Labels schickten ihre Unterhändler in die Psychiatrie.

(Foto: © Mark C. Austin / SPEX)

»Hi, Sir! Spreche ich mit Daniel Johnston?« »Yeah, that’s me«, dringt es durch den Hörer. Dann bleibt das Telefon stumm. Offenbar hat Johnston den Hörer zur Seite gelegt und sich verdrückt. »Daniel!«, ruft sein Vater Bill. »Wo bist du? Da wartet jemand auf dich!« Der ermahnte 47-Jährige kommt zurück und entschuldigt sich durchs Telefon: »Ich dachte, wir wären getrennt worden.« Das könnte ein Witz, eine Metapher oder auch die reine Wahrheit sein. Doch Daniel Johnston ist ein Interviewpartner, bei dem es weniger um das Hinterfragen von Handlungen geht. Man kann sich nur auf seine Spur begeben.

    »Are you Daniel Johnston?« – »I used to be Daniel Johnston.« – »Who are you now?« – »I don’t know.« Daniels Blick in die Kamera lässt keinen Gedanken an einen Witz zu. Vielmehr dokumentiert dieses unscharfe Video aus den frühen achtziger Jahren, wie eine labile Persönlichkeit drauf und dran ist, sich zu verlieren. Zu sehen sind diese Bilder in Jeff Feuerzeigs Dokumentarfilm »The Devil And Daniel Johnston« aus dem Jahr 2005. Ein Film, der Johnston etwas peinlich ist. »Sie haben unsere Songs stark gekürzt. Außerdem sehe ich in dem Film aus wie ein fetter Clown.« Generell findet Johnston ihn aber doch »funny«, seine von Medikamenten aufgeschwemmte Figur ist mittlerweile in Arbeit: »Ich will besser in Form kommen, dynamischer werden, mehr wie ein Star. That I get the chance to make it big time.« Berühmtheit ist in Johnstons bunter Welt ein hohes Gut. Irgendwann doch einen Top-40-Hit zu landen, auf die Erfüllung dieses Traumes freut er sich immer noch wie ein Kind, nicht wie der erfolgreicher Allroundkünstler, der er ist und der längst von seiner Musik und seinen Bildern leben kann.

    »Gezeichnet habe ich immer schon«, erinnert sich Johnston. »Mein Vater hat mir Zeichnungen abgekauft, damit ich mir Comicbücher und Schallplatten leisten konnte.« Jack Kirby, der Schöpfer von Comic-Helden wie The Incredible Hulk oder X-Men, ist sein Lieblingskünstler; auch musikalisch hat er eindeutige Favoriten: »Obwohl ich so ziemlich alles höre, was schon einmal berühmt gewesen ist: Die Beatles bleiben doch die besten. They got me started – vor allem ihr ›White Album‹.« Auch John Lennon solo wurde für Johnston schnell essenziell. »Sein ›Feel Your Own Pain‹ habe ich zu meiner Philosophie erklärt«, erinnert er sich. »Wenn du verletzt wurdest und schlechte Gefühle hast, denke lieber über sie nach. Das ist besser, als gegen sie anzukämpfen.«

    1981 gelangte Daniel Johnstons erstes Album »Songs Of Pain« als selbst aufgenommenes Tape in Umlauf. Es folgten in den nächsten vier Jahren acht weitere, darunter »Hi, How Are You?«, dessen wie immer von ihm selbst gezeichnetes Cover – es zeigt eine Art Frosch mit grotesken Antennenaugen – zu Johnstons Markenzeichen wurde. Die Qualität seiner Songs bestand in der Verbindung eines an den Beatles geschulten melodischen Gespürs mit der Eingängigkeit und Hingabe jener Kirchenlieder, die seine Familie jeden Sonntag in ihrer Gemeinde sang. Für sein Publikum, das zunächst ausschließlich aus Freunden bestand, hatte Daniel auf dem Tape kleine Extras zwischen die einzelnen Stücke kopiert, »just for fun«, wie er heute sagt.

Die Black Cab Sessions haben sich innerhalb eines Jahres zu einem der im Internet populärsten »Hand made«-Videoformate entwickelt. Das Prinzip ist einfach: ein Künstler steigt auf die Rückbank einer der schwarzen Londoner Taxen und spielt ein Akustikstück. Daniel Johnston spielt in dieser Episode das Stück »Hidden Fruit« aus dem Jahr 1980.

VIDEO: Daniel Johnston – Hidden Fruit

    Auf diesen Field Recordings aus seinem Familienleben ist seine Mutter, Mrs Johnston, zu hören. Sie schimpft: »Du verbringst zu viel Zeit mit diesem brotlosen Kram. Mach was Vernünftiges!« Zu diesem, sagen wir mal, Normalstress jeder Adoleszenz gesellte sich jedoch schon eine leicht paranoide Projektion des eigenen Missfallens auf die außerfamiliäre Lebenswelt. Wieder die Mutter: »Die Leute lachen und sagen: Daniel Johnston ist verrückt. Ich will nicht, dass mein Sohn eine Witzfigur ist. Aber du bist eine Witzfigur.« Bisweilen synchronisierte Daniel mit diesen Aufnahmen sich selbst, in den Filmen, die er mit seinem älteren Bruder Dick drehte. Während der stakelige Teenager Daniel da im Kleid das Nudelholz schwingt, dröhnt aus seinem Mund Mutters religiöser Terror: »Du bist ein nichtsnutziger Diener des Herrn! Hör auf, mit deinen satanischen Zeichnungen die Köpfe der Jugend zu verdrehen!« Damals, vor laufender Kamera, quittierte der junge Daniel die Predigt mit Gelächter. »He’s doing it for humour«, kommentiert die greise Mrs Daniel Johnston Johnston die bizarre Szene in »The Devil And Daniel Johnston«. »I think that was really funny«, erzählt Johnston am Telefon. Dass seine Songs eine völlig andere Sprache sprechen, scheint ihm nicht bewusst.

    Während er das Gefühl, seine eigene Krankheit zu sein, anerzogen bekam, diagnostizierten die Ärzte bei Daniel Johnston manische Depression, schulmedizinisch ›bipo lare Störung‹ genannt, eine Krankheit, die genetisch veranlagt ist, deren Ausbruch und Verlauf aber häufig mit psychosozialem Stress zusammenhängt. Johnstons Krankheit und Kunst wurden für die Öffentlichkeit nahezu parallel evident, ihre Ups and Downs haben sich zuweilen gegenseitig bedingt. Auf einen ersten Live-Auftritt 1985 in der MTV-Show »Cutting Edge« folgte eine Reise nach New York, wo er unter anderem Thurston Moore und Maureen Tucker traf und für Firehose im CBGB’s eröffnete. Doch in der schnellen Stadt steigerte sich Johnstons Fixierung auf den Teufel, von dem er sich permanent verfolgt und bedroht fühlte, in paranoiden Wahn. Dies just, als sein ausgeprägter Wunsch nach Anerkennung und Ruhm in Erfüllung zu gehen schien.

    Als er dann noch im Vorfeld von Auftritten seine Medikamente absetzte, um ›more real‹ zu sein, brachen die Barrieren zwischen Fantasie und Realität. Johnston verprügelte seinen Manager mit einer Eisenstange. Ein anderes Mal entfernte er im Glauben, selber fliegen zu können, aus einem Sportflugzeug den Zündschlüssel und schmiss ihn aus dem Fenster. Am Steuerknüppel saß Vater Bill, der die Maschine gerade noch zur Bruchlandung in eine Baumkrone lenken konnte. Sohn Daniel verschwand nach dem Vorfall für Monate in der Geschlossenen. Draußen, auf den Bühnen der frühen neunziger Jahre, trug Kurt Cobain derweil regelmäßig ein T-Shirt, auf dem Johnstons Frosch »Hi, How Are You?« fragte. Die Legende wuchs, Labels schickten ihre Unterhändler in die Psychiatrie. Weil Elektra auch Metallica unter Vertrag hatte, die Davids Ansicht nach satanisch waren und möglicherweise auch ihm nach dem Leben trachteten, wurde lieber ein Deal mit Atlantic unterzeichnet. Der wurde allerdings wenige Jahre später wieder gekündigt. Der erhoffte Hit war ausgeblieben.

Daniel Johnston

»We don’t really like what you do / We don’t think anyone ever will / It’s a problem that you have / And this problem’s made you ill«
(Daniel Johnston, »Story Of An Artist«, 1982)

(Foto: © Mark C. Austin / SPEX)

    Dank des Engagements seiner Eltern hat sich Johnstons Zustand in den letzten Jahren zunehmend stabilisiert. Das zu honorieren, fällt angesichts der in »The Devil And Daniel Johnston« bezeugten früheren fundamentalistischen Psychoqualen nicht leicht, aber der Film zeigt auch klar, dass ohne die Entscheidung der Eltern, in den frühen Neunzigern in das liberale Austin zu ziehen, um sich rund um die Uhr um ihren Sohn zu kümmern, Johnston wohl kaum sein jetziges Leben führen könnte. »Auch wenn ich durch harte Zeiten gegangen bin – alles hat sich letztlich zum Guten gewendet. Mir geht es sehr gut«, sagt Johnston heute. Neue Songs kündigt er für seine anstehende Europatournee mit der holländischen Band John Dear Mowing Club an. Er wird dabei erstmals – von dem singulären Konzert in der Berliner Volksbühne 1999 abgesehen – auch zu fünf Terminen nach Deutschland kommen.

    Johnstons Songs bringen die Widersprüchlichkeit nicht nur seines eigenen Lebens in klaren, auf geniale Weise wirkungsmächtigen Worten auf den Punkt. Sein privates Universum, das sich zum großen Teil aus Film- und Comic-Helden und aus tatsächlichen unglücklichen Verliebtheiten nährt, schildert er sehr unsentimental, man könnte auch sagen: tapfer. Seine Texte scheinen manchmal naiv, sind aber oft scharf analytisch. So variiert er in jedem Chorus seines Songs »The Sun Shines Down On Me« seine Reaktionen auf den wärmenden Sonnenschein. Aus dem sorglosen »I feel like I deserve it« wird erst das zweifelnde »I want to feel like I deserve it«, schließlich das völlig unfreie »I feel like I have to earn it«. Eine einfache dramatische Figur enthüllt das entfremdende Gift einer Religion – der Johnston als Tröster gegenübertritt. »I’m walking down the empty road / But it ain’t empty because I’m on it« – nachhaltiger kann man sich über das Gefühl der Einsamkeit nicht hinwegsetzen.

    Auch dieses künstlerische Konzept stößt jedoch irgendwann an seine Grenzen. Noch einmal Daniel Johnston, im September 2008, am Telefon: »Seit Kurzem habe ich eine Katze. Ich liebe sie. Sie heißt Spanky, das schien zu passen.« (er lacht) »Ich hatte gedacht, dass eine Katze so etwas wie ein Baby sei, wie etwas, um das man sich den ganzen Tag kümmern muss. Ich dachte, eine Katze würde mich daran hindern, mich nur meiner Musik zu widmen. Aber jetzt habe ich sie, und mein Leben hat sich total verändert. Sie spielt mit ihren Pfoten sogar einzelne Noten auf dem Klavier. Wir haben den ganzen Tag Spaß.«

Ab dem 01. November istDaniel Johnston Live mit The John Dear Mowing Club zu sehen – Spex präsentiert die Tournee. Die Alben »1990« und »Artistic Vice« wurden vor Kurzem als Doppel-LP und als einzelne CDs wiederveröffentlicht (High Wire Music / Import)

»The Devil And Daniel Johnston« USA 2005, Regie: Jeff Feuerzeig, 110 Min., DVD (Tartan Video / Import) (Trailer)

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