Eine Freiheitshymne

Wenn man Lady GaGa eines zugutehalten muss, dann ihr ausgesprochenes Talent zur Mehrdeutigkeit: Die 24-jährige Amerikanerin war nie ›nur‹ Sängerin oder modebegeistert, sie besetzt in ihrer noch jungen Karriere – ähnlich wie früher Madonna – neue Nischen, verbindet Popmusik mit Performance und Garderobe, kokettiert mit Sex und inszeniert sich zum guten Teil als Kunstfigur. Wenn ihre neue Single »Born this Way« nun mit einer Erinnerung an ihre Jugend und den Glauben an einen Traum beginnt, dann ist nicht alles so eindeutig, wie es scheint.

     »My Mama told me when I was young / we are all born superstars«, singt GaGa gleich zu Beginn des Stücks in einer romantischen Erinnerung an ihre Jugend. Oberflächlich scheint es um GaGa selbst zu gehen, um ihre Herkunft, um Selbstverwirklichung, um den Glauben an das eigene Talent trotz aller Rückschläge und natürlich um ihren eigenen Erfolg – ein Karriererückblick und eine Ermutigung an GaGas Fans, ihre »Little Monsters«, an sich selbst und die eigene Zukunft zu glauben. Auf Lady GaGa trifft dies nun zu wie auf kaum einen anderen Popmusiker der vergangenen Jahre, sie ist mehr Stilikone denn Sängerin. Soweit so im Popsong vorhersehbar – denkt man.

    Dabei ist »Born This Way« weniger die Retrospektive einer äußerst erfolgreichen Musikerin, sondern vielmehr der Versuch, auf einem von Fernando Garibay, DJ White Shadow und ihr selbst produzierten, von Madonnas »Express Yourself« und »Vogue« inspirierten Abfahrtsbrett das Format ›massentauglicher Popsong‹ über die Gender-Debatte in eine Freiheitshymne zu überführen. So heißt es im Sprechgesang-Hook in »Born This Way«:

»Don't be drag, just be a queen /
Whether you're broke or evergreen /
You're black, white, beige, chola descent /
You're lebanese, you're orient /
No matter gay, straight or bi /
Lesbian, transgendered life /
I'm on the right track, baby /
I was born to survive
«

     Schon der Motown-Sänger und liberal-protestantische Aktivist Carl Bean sprach 1975 – und damit noch lange vor den Village People – in seinem Song »I Was Born This Way« seine Homosexualität offen aus, das Stück prägte maßgeblich den Kampf um gesellschaftliche Gleichberechtigung von schwul-lesbischen Lebensentwürfen in den USA. Die Zeile »Don’t be a drag / just be a queen« bezieht sich bei GaGa aber nicht nur alleine auf Carl Bean. In der Mehrdeutigkeit des Begriffs »drag« wird auch Patti Smiths Ausspruch »As far as I'm concerned, being any gender is a drag« von 1998 referenziert. Lady GaGa setzt sich mit »Born This Way« mitten in das Feld der Gender Studies, betont aber gleichzeitig ihren eigenen Gottesglauben: »I'm beautiful in my way / 'Cause God makes no mistakes / I'm on the right track, baby / I was born this way«

     »Born This Way« will offensichtlich ein Song für alle sein: Heteros und Homosexuelle, Transgender und Transsexuelle, Weiße, Farbige, Amerikaner und Araber, Christen und Muslime – alle sind Menschen, alle sind gleich, so das Credo der Hook. Ein wenig erinnert das auch an Christina Aguileras Im-eigenen-Körper-Wohlfühl-Ballade »Beautiful«, nur ist GaGa deutlich konsequenter in Text und Handeln. Schon in der Vergangenheit hat Lady GaGa keinen Hehl aus ihrer Faszination für die New Yorker House-Ball-Szene gemacht, zeigte in ihren Bühnenshows regelmäßig Vogueing-Elemente und Drag Queens, umgab sich in ihren Musikvideos mit durchtrainierten, männlichen Tänzern und verortete sich und ihre Musik stets als Teil des schwul-lesbischen Lebens.

     Dass Spekulationen um ihren angeblichen Penis eine lange Zeit die öffentliche Debatte bestimmten, muss man dabei als fasziniert-geifernden und gleichzeitig angeekelten Voyeurismus des Boulevards abtun. Lady GaGa ließ mit einer Klarstellung auf die von ihr selbst angeregten Gerüchte lange auf sich warten – wobei ihr die Entlarvung der absurden und bigotten Spekulationen dabei wohl wichtiger war, als um jeden Preis im Gespräch zu bleiben.

     Mit »Born This Way« stellt sich GaGa nach ihrem Debütalbum »The Fame« musikalisch neu auf: Disco-Handclaps, Kuhglocken und die Art Sägezahnsamples, die man noch gut von dem französischen Produzententeam Justice in Erinnerung hat, der Verzicht auf Vokalakrobatik à la »Ra Ra ah ah ah Roma Ro ma ma / GaGa Oh La La« wie in »Bad Romance« und ein geradlinig stampfender Dancebeat. Man muss »Born this Way« als Song nicht unbedingt lieben. Sicherlich aber, dass GaGa heute eine inhaltlich so klare Sprache spricht, wie noch nie zuvor – und eine deutlich offenere, als es andere Popstars sich trauen würden.

 


STREAM: Lady GaGa – Born This Way


STREAM: Carl Bean – I Was Born This Way

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