Ein Königreich unter Baumkronen

Here, here, the new Radiohead-newspaper »The Universal Sigh« with today’s topic: The Woods!! So marktschreierisch sich der Eingang dieses Textes liest, so treffend ist er. Die Ankündigung der Gruppe Radiohead um die weltweite Verteilung einer Zeitungsausgabe wurde vergangene von großem Pressewirbel begleitet – wie in den letzten Jahren immer, wenn Thom Yorke und Band ein neues Projekt lancierten.

    Verteilt wurde das Blatt heute kostenfrei in zahlreichen Ländern ganz Europas, in Russland, den USA, in Neuseeland und Australien – und in London soll Yorke höchstpersönlich Exemplare ausgehändigt haben. Natürlich soll auch hier der Klimaschutz nicht zu kurz kommen, auf der begleitenden Homepage heißt es dazu: »Radiohead will measure the carbon footprint of this project, and to offset the potential ecological impact we will retire the carbon credits used. Carbon Retirement is the most effective method of offsetting, because it is the only way you can be 100% sure that the emission reduction you pay for will take place.« Ökologisch also einwandfrei, aber wie steht es um den inhaltlichen Teil der frischgebackenen Blattmacher von Radiohead? Eine Blattkritik.

    Die deutsche Ausgabe von »The Universal Sigh« – übersetzt aus dem Englischen von Felix Wolf – ist zurückhaltend und schlicht gestaltet, gedruckt wurde auf hochwertigeres Recycling-Zeitungspapier. Zahlreiche Illustrationen, wenige Fotos, die Überschriften sowie die einzelnen Texte sind in Serifen gesetzt, die Geschichten erhalten viel Freiraum. Dazu sind die langen Wortbeiträge im Blocksatz ohne jegliche Worttrennungen gestaltet – aus Vertriebssicht in verschiedenen Sprachen sicherlich sinnvoll, aus Lesersicht und gestalterischer Perspektive aber enttäsuchend, da der Fließtext so häufig durch große Weißräume gedehnt wird.

    Der Aufmacher (siehe Abbildung oben) des zwölfseitigen Blattes ist schnell zusammengefasst: Neben dem im Vierfarbdruck abgebildeten Artwork des neuen Radiohead-Albums »The King of Limbs« wird die Albumtypografie auf »The Universal Sigh« übertragen, neben dem Verweis auf die Kampagnenhomepage sieht man nur den zweifachen Hinweis »Heute weltweit erschienen«. Wann dieses »heute« war, wird man in der Zukunft deshalb nur noch schwer nachvollziehen können, auch scheint eine Wiederholung des Sigh’schen Experiments nicht vorgesehen: eine Nummerierung der Ausgabe findet sich an keiner Stelle – von einer Tageszeitung oder sonstig turnusmäßig erscheinenden Zeitung sollte man daher keinesfalls sprechen.

    Auf Seite zwei beginnt dann die eigentliche Ratlosigkeit: Schon im Vorfeld sparten sich Radiohead genauere Informationen zu ihrem »newspaper«, und wer von »The Universal Sigh« Erkenntnisgewinn erwartete, darf sich nun enttäuscht fühlen: Kein Editorial, kein Grußwort, keine Anleitung zum Blatt. Stattdessen begrüßt den interessierten Leser ein Halbseiter über Kälte, Wald und Wiesen – alles garniert mit zahllosen Adjektiven (und schon seit Kaiser Titus wissen wir: »Adjektive machen das Heer langsam.«). Eine Autorenangabe sucht man hier wie auch bei dem nachfolgenden Gedicht »Über eine weite Kluft!« vergebens, vermutlich handelt es sich dabei um die im Impressum angegebenen Zachariah Wildwood und Donald Twain. Begleitet werden beide Texte von Illustrationen aus der Geisterwelt des Waldes.

    Seite vier hat dann endlich Substanz zu bieten. Der britische Literaturkritiker und Reiseautor Robert Macfarlane erzählt in »Auf Bäume klettern« eine Kurzgeschichte über seine kindliche Rückeroberungen des Waldes, über sein Königreich unter Baumkronen. Die gegenüberliegende, ganzseitige Illustration bildet ein Siegel mit der Inschrift »Spare me all your waving flags« ab – erspart mir all eure wehenden Flaggen. Auf der nächsten Doppelseite darf der Leser wieder orakeln: im besten Kleinanzeigenstil werden Textblöcke aneinander gereiht, deren Inhalt sich so gar nicht erschließen mag, dafür aber hübsch gestaltet ist. Die Songtexte zu »The King of Limbs« sind es nicht, warum man hier aber mit englischen Texten statt – wie auf allen anderen Seiten – auf deutsch adressiert wird, werden nur Radiohead und ihr Herausgeber Stanley Donwood selbst wissen.

    Die Seiten acht und neun werden ganz eingenommen von der leidenschaftlichen Reisereportage »Wälder der Seele« der Autorin Jay Griffiths durch den südamerikanischen Kontinent, sie berichtet von Schamanen, der Abholzung des Regenwaldes, alternativen Heilmitteln und die Universalität des Baumes. Welche Apokalypse Stanley Downwood, bürgerlich Dan Rickwood, Autor und Thom Yorkes Grafiker des Vertrauens, zwei Seiten später vor seinem geistigen Auge erlebt hat, bleibt hingegen unklar. Seine Kurzgeschichte »Verkauf dein Haus und kaufe Gold« erzählt vom Untergang unserer Zivilisation, die Ursache und den genauen Ausgang der Katastrophe lässt er aber ähnlich wie Chaim Noll in dessen Roman »Feuer« (vgl. Spex #331) im Dunklen.

    Die letzte Seite schließt wie die Titelseite: ein erneut farbig gedrucktes Motiv aus »The King of Limbs«, der Erscheinungstag (»heute«), der Titel und der um einen QR-Code ergänzte Hyperlink auf www.theuniversalsigh.com – und darum nun das große Bohei? In Großbritannien werden erste Exemplare von »The Universal Sigh« bereits für rund 50 britische Pfund auf eBay versteigert, auf Twitter bittet die weltweite Popkulturperipherie um Exemplare des Blattes.

    Nach der Lektüre von »The Universal Sigh« wird man nur nochmals in dem Eindruck bestärkt, dass das ›Drumherum‹, die Eventisierung bei Radiohead in den letzten Jahren wesentlich stärker im Mittelpunkt des Interesses stand, als die Musik selbst. Eine logistische Meisterleistung wurde hier umgesetzt, ein blattmacherisch guter Wurf geschafft. Unnötig aber zu erwähnen, dass Radioheads neuestes Album ebenfalls seit heute als physischer Tonträger erschienen ist.

    Werbung as unusual, also.

 

»The Universal Sigh« ist heute an verschiedenen Standorten in Berlin, Hamburg und Wien kostenlos erhältlich, weitere Informationen dazu auf der Kampagnen-Homepage.

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