Eine Bitch namens Leben

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Aufwachen nach dem »Blackout«, im »Morning Light«, eben noch »First We Kiss« geträumt haben, und nun: das Gefühl, dass gestern wesentliche Grenzen überschritten worden sind. Solcherlei Verzauberung steckt in den Songs des Debütalbums von Anna Calvi.

    Die 28-jährige Londonerin singt jedoch nicht mit jener schüchternen Stimme, die vielleicht passend erscheinen würde und mit der sie sich in Interviews über jedes Kompliment freut. Im Gegenteil: Als Sängerin nimmt sie die Perspektive einer wissenden Dame ein, die weit genug gegangen ist, um Wesentliches über sich und eine gewisse Bitch namens Leben vorzutragen: Calvi wurde mit einer schweren Hüftfehlbildung geboren, ihre frühe Kindheit fand im Krankenhaus statt, wo sie sich zwischen etlichen Operationen in Traumwelten flüchtete. »Ohne Eskapismus wäre ich heute keine Musikerin«, sagt sie.

    Aus ihrem Drama sind sonst Opernarien gestrickt, oder trotzige Chansons. Maria Callas, Edith Piaf und der Sechziger-Breitwand-Pop von Chips Moman und Felton Jarvis haben es Calvi angetan, allen voran »Surrender«, der Elvis-Klassiker: »Wie viel Reichtum man in eine Stimme packen kann!«, schwärmt sie. Reichtum ist auch das, was Calvis Gitarrenspiel auszeichnet. Von den Hendrix-, Ravel-, und Messiaen-Platten ihres italienischen Vaters hat sie sich die variantenreiche motivische Arbeit sowie das Reservoir an Klangfarben abgehört. Schon mit acht wollte Calvi Gitarrensaiten nicht wie Gitarrensaiten klingen lassen. Diese Freiheit, wie sie vielleicht nur Autodidakten haben, prägt nicht zuletzt auch ihre quasi-sinfonischen Konzerte mit dem Schlagzeuger Daniel Maiden-Wood und der Multiinstrumentalistin Mally Harpaz.

    Nach den Auftritten als Support von Grinderman steht nun eine eigene Tour an. Sie kann mittlerweile davon leben – es verschlägt ihr die Sprache vor Glück. »No More Words« heißt der erste Song ihrer Platte. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.

 

»Anna Calvi« von Anna Calvi ist soeben erschienen (Domino / GoodToGo)


VIDEO: Anna Calvi – Jezebel (Live)

Anna Calvi Live:
11.02. Hamburg – Prinzenbar (ausverkauft)
12.02. Berlin – Privatclub (ausverkauft)
13.02. Berlin – Privatclub (ausverkauft)
03.04. Köln – Studio 672
04.04. Frankfurt a.M. – Brotfabrik
06.04. München – 59-1
07.04. A-Wien – Szene
13.04. CH-Zürich – Stall 6
14.04. CH-Lausanne – Bleu Lézard
15.04. CH-Bern – Ono
11.08. Haldern – Haldern Pop Festival (mit Hauschka, Golden Kanine, u.a.)

Foto: © Domino Record Co

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