Die Grammys waren in diesem Jahr so divers wie noch nie – gut so! In der Gegenwart ist der wichtigste Musikpreis der Welt deshalb aber noch lange nicht angekommen.

Glückwunsch, liebe Academy! Das hättet ihr schlimmer verbocken können. Stattdessen gibt vieles rund um die 61. Grammy-Verleihung sogar Grund zur verhaltenen Hoffnung. Da wären einerseits die Zahlen: Immerhin 31 der 84 in der vergangenen Nacht verliehenen Awards gingen an weibliche Künstler_innen. Und damit fast doppelt so viele wie noch 2018. Weiter so, bitte.

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Cardi B machte das beste Rap-Album des Jahres. Mehr aber auch nicht (Foto: Jora Frantzis)

Auch die Auswahl der Gewinner_innen überraschte teilweise positiv: Mit H.E.R. nahm etwa eine tatsächlich über die Scheuklappen des Mainstreams hinaus relevante Musikerin den Preis für das beste R’n’B-Album mit nach Hause. Invasion Of Privacy, Cardi Bs Backpfeife von einem Debüt, wurde zum besten Rap-Album des Jahres gewählt. Eine Ehre, die zum ersten mal einer Frau zuteil wurde. Michelle Obama durfte Beyoncé rezitieren und Amerika damit erneut vor Augen führen, was es da für einen Hornochsen ins Weiße Haus gewählt hat. Und Alicia Keys moderierte die endlose Veranstaltung, während der sogar Diana Ross auftrat – nachdem sie in der gesamten Geschichte dieser Veranstaltung keinen einzigen relevanten Preis gewonnen hat, wohlgemerkt. Zumindest, wenn man den 2012 verschämt verliehenen Grammy für ihr Lebenswerk ausnimmt.

Und richtig, es gab sogar Raum für kritische Äußerungen zum verbalen Kreuzbandriss, den sich Recording-Academy-Chef Neil Portnow im Vorfeld selbst zugefügt hatte, indem er in Abrede stellte, dass es Frauen im Musikgeschäft schwerer hätten als Männer. Die müssten sich halt mal etwas strecken, dann klappe das auch mit den Preisen, orakelte der bald ohnehin im Ruhestand geparkte 71-Jährige. Alles klar. Meinte so ähnlich auch best new artist Dua Lipa.

Jury aus arrivierten Branchennasen

Alles geil also? Das zu behaupten, wäre voreilig. Sicher, für eine Institution, die sich seit 61 Jahren mit zukunftsweisender (sprich: weiblich, PoC) Musik notorisch schwer tut, war die vergangene Nacht ein Schritt in die richtige Richtung. Doch dieser Schritt verändert noch lange kein System. Dieses krankt nämlich weiterhin an seiner eigenen Überholtheit – ebenso wie das der Oscars, des filmischen Pendants der Grammys.

Dort wurde beispielsweise im vergangenen Jahr Rachel Morrison als erste Frau in der Kategorie „Beste Kamera” nominiert. Immerhin. Und in diesem Jahr? Sind wieder nur Männer am Start. Obwohl Morrison in der Zwischenzeit den Blockbuster Black Panther fotografiert hat. Und es auch sonst an starken Filmen von Frauen nicht mangelt. Ob die jüngste Diversifizierung der Grammys ein ähnliches Strohfeuer bleibt, muss man natürlich abwarten.

Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Wir leben im Jahr 2019. Jede_r kann mit einfachsten Mitteln Musik aufnehmen, sie veröffentlichen und mit ihr – oftmals ohne Label, Management oder sonstige Daumenschrauben – den Zeitgeist prägen. Das wird bei den Grammys genauso wenig berücksichtigt wie bei den meisten anderen Awards. Stattdessen entscheidet weiterhin eine Jury aus arrivierten Branchennasen über Top oder Flop. Mit dem Ziel einer möglichst ausgewogenen Auswahl. Und dem Ergebnis, dass sich die schnarchigste Musik durchsetzt.

Das war übrigens schon immer so: 1967 setzte sich Frank Sinatra gegen Revolver von den Beatles durch. 1985 gewann Lionel Richie gegen Prince’s Purple Rain. Und 2017 ging Beyoncés Lemonade, ein echter game changer also, leer aus. Weil sich die Jury für Adeles 25 als bestes Album des Jahres entschied. 2018? Freute sich Bruno Mars statt Kendrick Lamar.

Ähnliches gilt auch für dieses Jahr, in dem selbst die spürbaren Bemühungen um mehr Heterogenität die konservative Vergabepolitik der Academy nicht übertünchen konnten. Cardi B hat also das beste Hip-Hop-Album gemacht? Cool, aber warum nicht gleich das beste Album des Jahres? Mit ihrem sexpositiven Narrativ, ihrer Vorbildfunktion, ihrer klaren Haltung gegen Diskriminierung und dem kommerziellen Erfolg ihres Debüts hätte man das ohne Probleme rechtfertigen können.

Nicht der Ort, an dem der Status Quo des Landes verhandelt wird

Stattdessen ging der Preis an den stromlinienförmigen Country-Entwurf von Kacey Musgraves. Noch schlimmer erwischte es die Kategorie „Best alternative music album”: Deren Gewinner kennen Sie sicher noch von damals. Wie hieß er noch? Beck! Ernsthaft? „Best electronic / dance” sahnten hingegen die Retro-Klopper von Justice ab. Und die stärkste Rock-Musik laut der Academy? Die unsäglichen Greta van Fleet. Und wo wir gerade dabei sind: Was zum Henker soll bite „Urban contemporary” sein?

Wohin das mittelfristig führt, zeigte ausgerechnet der am zweithäufigsten ausgezeichnete Künstler des Jahres. Donald Glover nahm als Childish Gambino für seinen Song „This Is America” gleich vier Grammys mit nach Hause. Nun ja, nicht persönlich, um genau zu sein. Denn Glover war erst gar nicht ins Staples Center nach Los Angeles gekommen. Einen geplanten Auftritt hatte er laut Medienberichten schon Monate zuvor abgesagt – ebenso wie mit Lamar und Drake ein großer Teil der restlichen Speerspitze relevanter Pop-Musik. Denn, Sie wissen schon, was soll man da eigentlich?

Der kanadische Superstar Drake war zumindest anwesend, um seinen Preis für den besten Rap-Song entgegen zu nehmen. Und nutzte prompt seine stage time, um zu sagen, was er davon hält: „This is a business where sometimes, it’s up to a bunch of people who might not understand what a mixed-race kid in Canada has to say, or a fly Spanish girl from New York or anybody else”, so Drake.

Mit anderen Worten: Das hier ist nicht der Ort, an dem der Status Quo des Landes verhandelt wird. Sondern weiterhin eine längst verblühte Version davon. Daran muss sich dringend etwas ändern, wenn die Grammys – und andere Award-Shows weltweit – nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wollen. Denn dann helfen selbst die schönsten Gesten in Sachen Vielfalt nichts mehr.