Ein Interview mit Azealia Banks: »Ich bin noch immer so aufgeregt wie früher«

Am Freitag gibt Azealia Banks das einzige Deutschlandkonzert ihrer Europatour in Berlin. Zuvor hat sie uns noch ein Interview gegeben, kurz.

Azealia Banks. Wie lange begleitet uns dieser Name schon? Sehr, sehr lange. Das erste Mal begegnete sie mir digital mit ihrem Cover von Interpols »Slow Hands«. War das auf rcrdlbl.com? Keine Ahnung, denn die Seite ist mittlerweile down. Vier Jahre ist es jedenfalls her, Aufmerksamkeit erhielt ihre Kunst damals noch in einem recht kleinen Kreis. Das änderte sich schlagartig, als sie im September 2011 ihre Single 212« veröffentlichte: eine krachend gerappte Abreibung im Harlemer Lokalkolorit, unterlegt von einem aus Europa geborgten Electro House. Ein über jeden Zweifel erhabener Hit.

Es braucht eine kleine Hintergrunderzählung, um zu verstehen, warum heute, drei Jahre später, ein Magazin wie SPIN twittern kann: »At last, the @AZEALIABANKS single we’ve always deserved: „Chasing Time“ …« – und man sofort still sein Einverständnis zu dieser Formulierung gibt. Denn in der seitdem vergangenen Zeit hat uns Azealia Banks zwar weitere gute bis sehr gute Singles präsentieren können – »1991«, »Van Vogue«, »Yung Rapunxel«, »Liquorice«, »Atlantis«, »Heavy Metal And Reflective«, »Count Contessa«, und, und, und –, doch ein Album ist sie uns bis heute schuldig geblieben.

Ja, schuldig. Denn statt der LP und der öffentlichen Krönungszeremonie im Free TV gab es ein ewiges Hin und Her zwischen ihr und ihrem Major-Label Interscope, das Banks einseitig nach außen trug. Laut ihrer zahlreichen Twitter-Erklärungen weigerte sich das Label mehrfach, ihr Broke With Expensive Taste genanntes Album zu veröffentlichen. Auch von Banks‘ zahlreichen viralen Alleingängen ließ man sich im New Yorker HQ nicht beeindrucken, bis schließlich im Juli diesen Jahres die Bombe platzte und sich Azealia Banks und ihr Label – zum bereits zweiten Mal nach ihrem Teenager-Zerwürfnis mit XL Recordings – trennten.

Es war ein langer Weg. Jedoch: »Ich bin noch immer so aufgeregt wie früher, wenn es um Musik geht«, sagt Azealia Banks mir heute, ohne eine Spur der Ernüchterung, wenngleich deutlich gereizt. Nach unzähligen Interviewanfragen in den letzten Jahren – via Telefon, bei einem Konzertbesuch in London oder auf einem Festival in Dänemark etc. – und 70 Sekunden »…Baby One More Time« in der Warteschleife hat es endlich geklappt: Die Rapperin, die gerade in Großbritannien ihre Europatour eröffnet hat, nimmt sich zehn Minuten Zeit.

Sie bestätigt mir, dass Broke With Expensive Taste seit satten zwei Jahren fertig herumliegt und sie tatsächlich alle Aufnahmen und die dazugehörigen Rechte daran besitzt. Kommt es bald raus? »Hoffentlich. Ich suche derzeit nach einem Label.« Über den Druck, den das Label zuvor auf sie ausgeübt haben soll, um sie als Rap-Figur umzumodeln, will sie nicht reden: »Das ist nicht interessant genug.«

Unsere gemeinsame Geschichte hat Azealia Banks zuvor wohl als Anbiederungsversuch gedeutet, gibt sich wortkarg wie nichts. Ich erzähle ihr von Diplo, der mir einst berichtete, wie er die damalige Underage-Künstlerin zu sich ins Studio holte und schließlich mit ihr Skizzen für Missy Elliott erarbeitete, um dieser Material für einen besseren Studio-Workflow zu geben. Laut Diplo war Azealia Missy zu stark. Es könnte schlimmere Komplimente geben, oder, Ms Banks? »Nein, es nicht wahr, dass ich mit Diplo daran gearbeitet habe. Das hat er dir erzählt, ja? Davon wusste ich bis heute nichts.«

Wie ich später herausfinde beginnt Azealia Banks in diesem Moment damit, unkommentiert ihre halbe Diskografie als YouTube-Links über Twitter zu verbreiten. Den Anfang macht das ewig alte »Seventeen«, in dem sie Ladytron sampelt: »They only want you when you’re seventeen / When you’re twenty-one / You’re no fun.« Ja, alles ist ein Missverständnis – und wir kommen aus der Nummer nicht mehr raus. Ob es, da sie in den letzten Jahren ja viel auf Tour war, zahlreiche Singles veröffentlichte und auch das ein oder andere Magazin-Cover zierte, sprich: sich ganz ordentlich verkaufte, überhaupt heutzutage noch unbedingt Not tut, ein Album zu veröffentlichen? »Ich weiß nicht. Ich kann nicht für andere Künstler sprechen, aber ich muss wirklich bald mein Album veröffentlichen.« Und warum hängt sie so sehr an ihren zwei Jahre alten Songs? »Weil ich sie geschrieben habe. Was für eine Frage ist das denn?!«

Reden wir über ihre Liveauftritte (»Ich liebe das Touren.«), von denen ich bereits drei erleben durfte. Da war und ist Azealia Banks ganz groß. Es sind grellbunte Spektakel, bei denen Banks all den Verve ihrer Twitter-Persona eins zu eins auf die Bühne bringt. Während sich manche Kollegen merklich keinen Deut um ihre Konzerte scheren, sorgt sie dafür, dass die #Kuntbrigade, ihre kleine Fan-Armee, zu jeder Zeit voll auf ihre Kosten kommt. Ja, die Outfits und die Choreos sind auch spektakulär. Aber das ist ja nun wirklich nur Beiwerk.

Da freut es einen zu hören, dass sie proklamiert: »Ich bin heute eine viel bessere Performerin als noch vor einem Jahr.« Schließlich sind die Shows anspruchsvolle Feiern des Eklektizismus, wie so ziemlich alles bei Azealia Banks: »Generell würde ich sagen, dass ich nicht so etwas wie eine künstlerische Richtung habe. Ich gehe eher mit meinem täglichen Flow und Gefühl. Auf dem Album, gibt es eine Reihe von Newschool-Einflüssen, Referenzen an House, Rock’n’Roll and HipHop.« Einst hatte sich Banks mit dem Mixtape Fantasea sogar in das Sub-Genre des Seapunk vorgewagt. Auch davon soll es bald eine Fortsetzung geben, sagt sie. Und: »Natürlich arbeite ich jetzt auch an anderen Sachen. Ich arbeite immer.«

Mit »Chasing Time« hat sie diesmal eine Art Pop-Step-Hymne aus dem Cowgirl-Hut gezaubert. »Check my watch, I had the future in my pocket / But I lost it when I gave it to you (you)«. Ich bin schon gespannt darauf, wie Azealia Banks am Freitag in Berlin die Zukunft wieder zurückfordern wird.

SPEX präsentiert Azealia Banks live
26.09. Berlin – Huxleys
Für das Konzert gibt es noch Karten im VVK.

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