Ein anderes Tor zur Welt – das Sheffield Doc/Fest in der Retrospektive #1

Fotos: Cartel Land / Filmstills

Zum 22. Mal findet dieser Tage in Sheffield ein Filmfestival statt, bei dem sich alles um den dokumentarischen Blick dreht. Das Doc/Fest eröffnete mit Joshua Oppenheimers beeindruckendem The Look Of Silence und ist mit Filmen über Migrantenaufstände in Birmingham oder den Drogenkrieg in Mexiko noch längst nicht am Ende.

Sheffield ist bekannt als Englands größtes Dorf. Selten erscheint die Zuschreibung so treffend wie in den fünf Tagen des Dokumentarfilmfestivals Sheffield Doc/Fest: Man spürt einerseits die kulturelle Strahlkraft dieses Städtchens, das der Popwelt Jarvis Cocker und Warp Records geschenkt hat und mit Museen, Clubs und eben dem Filmfest einwohnerstärkere Städte wie Leeds und Birmingham locker aussticht. Gleichzeitig herrscht gemütliche Beschaulichkeit: Alles lässt sich zu Fuß erreichen, Filmvorführungen finden auch mal in der örtlichen Bibliothek oder auf dem Rasenstück hinter einem Pub statt.

In seinem 22. Jahr verortet sich das renommierte Festival mit einer doppelten Eröffnungsgala zwischen den programmatischen Polen Politik und Poesie. Da ist einerseits The Look Of Silence, Joshua Oppenheimers Nachfolger zum gefeierten The Act Of Killing, eine meisterhafte Studie der Nachwirkungen des indonesischen Genozids. Das Diptychon, das die beiden Filme bilden, darf man mit Recht zu den wichtigsten Dokumentarfilmprojekten des neuen Jahrtausends zählen: Oppenheimers Interviews mit den Mitgliedern der einstigen, nun das Land regierenden Todesschwadronen der Sechzigerjahre in The Act Of Killing sowie die Konfrontation mit deren Opfern in The Look Of Silence kombiniert er mit oftmals surrealen Bildern.

Nur wenig später zeigte sich das Festival von seiner spektakulären Seite: Im prunkvollen Festsaal der City Hall findet eine verschworene Besucherschar zur Weltpremiere des Films The Greatest Shows On Earth zusammen. Gemeinsam mit der Sheffielder Universität und deren National Fairground Archive ist ein überwältigender Zusammenschnitt entstanden, der Zirkusshows und Vaudeville-Auftritte aus über hundert Jahren dokumentiert.

Bearbeitet wurde die gigantische Materialfülle von einem isländischen Team, das für einen flüssigen Schnitt und cleveren dramatischen Aufbau des Films sorgte und die Band Sigur Rós für einen brillanten Soundtrack gewinnen konnte. Zu dem berauschenden Filmmosaik aus Akrobaten, Tänzern, Löwenbändigern, Clowns und Zauberern passt deren sonische Untermalung ganz hervorragend. Es bleibt zu hoffen, dass die mal treibende, mal hypnotisch wabernde, mal zirkushaft pathetische Musik auch separat erscheinen wird.

Die Fülle an aktuellen und älteren Dokumentarfilmen, die beim Sheffield Doc/Fest zu sehen ist, lässt extrem gegensätzliche Interpretationen der dokumentarischen Wahrheitssuche aufeinandertreffen. Es lohnt sich ein Blick zurück auf das Werk des in Deutschland nahezu unbekannten englischen Dokumentarfilmers John Akomfrah: Sein Essayfilm Handsworth Songs von 1987 wird wiederaufgeführt, eine assoziative Montage aus Bildern, Interviews und (Reggae-)Musik, die sich mit den Aufständen in den Migrantenvierteln Birminghams im Jahr 1985 beschäftigt – aggressive, unbequeme politische Filmkunst, wie sie heutzutage kaum noch existiert.

Wie politische Reportage im 21. Jahrhundert aussieht, zeigt später am Tag der beim Sundance Film Festival 2015 zweifach ausgezeichnete Cartel Land. Regisseur und Kameramann Matthew Heinemann hat intimen Zugang zu militanten Bürgerwehren auf beiden Seiten der mexikanisch-amerikanischen Grenze gefunden – verzweifelte Menschen, verstrickt in den hoffnungslosen war on drugs.

Die Bilder, die Heinemann eingefangen hat, sind von unglaublicher, physischer Direktheit: Durch die Linse seiner Kamera folgt man ihm an die Front des mexikanischen Drogenkrieges, wird in Schusswechsel verstrickt und erhält grausame Einblicke in die Folterkammern der vermeintlich rechtschaffenen Selbstjustizler. Einen selbstreflexiven Ansatz aber vermisst man in Cartel Land: Der Film nutzt die Mechanismen des Hollywood-Thrillers (vor allem emotional leitende Musik), um sein Publikum zu erreichen. Das hinterlässt, zusammen mit Heinemanns zumindest diskussionswürdigen Methoden, einen bitteren Beigeschmack.

cartel land2

Der durchaus begrüßenswerte Ansatz, die vermeintlich starren Grenzen von Fiktion und Dokumentation aufzubrechen, wird dem brisanten Thema in dieser Form nicht gerecht. Ein anderer Blick auf die Welt, ein anderes Tor zu Welt aber liegt in Sheffield in diesen Tagen nur ein paar Straßen entfernt.

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