»Ehrlich Mann, Genres nerven doch«: Grenzüberschreitungen beim Festival Doom Over Leipzig

Foto: Amenra

Düstere Musik war lange eine Nischenangelegenheit. Mittlerweile ziehen Festivals wie das Doom Over Leipzig, das im April in die fünfte Runde geht, Besucher aus ganz Europa an. Sogar aus den USA wurden diesmal Tickets geordert, berichten die Veranstalter Björn Hinrichsen und Alex Obert. Ihr DOL ist das Fest zum Hype schlechthin, ihren diesjährigen Gästen wollen sie das Doom-Gefühl möglichst über alle Sinne zugänglich machen. Ein Ausblick.

»Das sind nur Begriffe.« Wer will, dass Hinrichsen und Obert die Augen verdrehen, muss sie nach Lieblings-Genres fragen. Schon bei »Metal« rümpfen die DOL-Macher die Nasen. Obert sagt: »Wenn ich Musik beschreibe, die ich mag, benutze ich einfach lieber Adjektive.« Welche? »Na ja, düster, melancholisch, atmosphärisch, komplex.« Dann eben harte Musik? Obert zieht die schwarze Jacke zurecht. »Ehrlich Mann, Genres nerven doch.«

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Foto: Year Of No Light

Doch es gab einmal Metal-Fans, die Genres als Distinktionskategorie lange spießig verteidigten. Sie hätten Hinrichsen und Obert wohl abblitzen lassen. Noch Ende der Neunzigerjahre machten Metalheads Jagd auf Punks, weil ihnen deren Musik nicht passte. In engeren Kreisen gerieten sogar Fans verschiedener Auslegungen von Metal aneinander. Hinrichsen und Obert können damit nicht viel anfangen. Das DOL fordert und fördert eine moderne, interdisziplinäre Auslegung düsterer Musik, deren Grenzen vor nicht allzu langer Zeit noch eng abgesteckt waren. »Die Subkultur, in der wir uns bewegen, hat sich in den letzten sieben Jahren krass verändert« – für Hinrichsen eine erfreuliche Entwicklung.

Der Grund für die Popularität düsterer Musik hat wiederum doch mit einem Genre zu tun. Es bedeutet rückwärts gelesen »Stimmung« und vorwärts sinnbildlich »Untergang«. Doom ist vermutlich die einzige Schublade, die Hinrichsen und Obert (wenn auch zähneknirschend) akzeptieren würden. Seit fünf Jahren veranstalten sie gemeinsam mit Freunden das DOL. Und Doom, das ist entscheidend, meint für sie eben kein kontrolliertes Klang-Dogma, sondern ein Lebensgefühl, das nicht nur einen Kreis von Auserwählten zum Mitmachen einlädt. Wenn schon Dogma, dann das der Öffnung in alle Richtungen: Das musikalische Line-Up wird um Vortrag, Clubnacht und Kunstausstellung ergänzt.

»Ein volles Programm ohne Überschneidungen« kündigt Hinrichsen an und beschreibt, als ob es des Beweises bedarf, einen beispielhaften Tag beim DOL: Zuerst in die Ausstellung. In der zeitgenössischen Galerie Kub läuft die künstlerische Begleitmesse Harbingers Of Doom. Hier stellt etwa der Belgier Loïc Pignier aus, der sich Highway Holidays nennt und den Großteil seines Lebens hinter dem Steuer von Tourbussen verbringt. Dabei hält er mit seiner analogen Kamera so ziemlich alles fest, nur nicht die Bands. »Es werden also Zwischenräume gezeigt«, erklärt Hinrichsen. Im Fokus der Ausstellung stehen zudem mystische Drucke, Logodesigns und Illustrationen, die auch aus einem besonders sinistren Tattookatalog geklaut sein könnten. Es gibt eine Performance, der Industrial-Technokünstler Grebenstein vertont einen japanischen Cyberpunk-Film live. Und sogar zwischen zwei Scheiben Toastbrot soll »Doom« passen, wenn in den Pausen das vegane »Doomwich« serviert wird.

Dann aufs Konzert. Im UT Connewitz — ohne das ehemalige Kino mit dem einmaligen Sound gäbe es kein DOL, das versichern Hinrichsen und Obert immer wieder — stehen Subrosa auf der Bühne. Mit scharfkantigen Geigen zerschneiden sie dichte Riffs. Anschließend Monarch, »richtig, richtig zäh«, sagt Hinrichsen, »die spielen einen Akkord und lassen den schon mal eine Minute stehen«. Es soll sich trotzdem, oder gerade deswegen lohnen. Danach spielen Year Of No Light, mit zwei Schlagzeugern und rein instrumentalen Klanglandschaften der wahrscheinlich technisch versierteste Act auf dem DOL. »Die lassen den Sound singen.« Den Konzerttag beschließen Amenra mit einer religiös ikonografierten Show und klimaxgeladenem Brachial-Doom.

Später noch in den Club. Das Institut für Zukunft ist der Leipziger Technoladen, dessen Ruf auch über die Stadtgrenzen hinaus schallt. Hier lassen Hinrichsen und Obert Wife performen, das Soloprojekt von James Kelly. Mit seiner früheren Band Altar Of Plagues spielte Kelly metallenen Shoegaze, kurz: gedrückte Gitarrenwände, an denen alles abprallt und verhallt. Als Wife macht er nun rußschwarzen, aber tanzbaren Düster-Step und steht damit prototypisch für die Öffnung gegenwärtiger Metal-Musik. Seine musikalischen Ausflüchte veröffentlicht das Label Tri Angle Records, dessen Künstler den Genreclash bisher immer andersherum angingen: R’n’B-Schnipsel von Ludacris bis Britney Spears wurden zu finsteren Totenmessen getrübt. Mit Wife findet die Annäherung jetzt von der gegenüberliegenden Seite statt.

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Foto: Wife

Doom gilt als schwer zugänglich. Mag der Kellner im Café Doom? »Doom 3, habe ich viel gezockt«, sagt er. Schon klar. Dennoch scheint es eine große Welle an Neuentdeckern dieser Musik zu geben, während gleichzeitig immer mehr Metalbands eingängige Indieriffs und Drumcomputer verwenden. Die Hochzeit vom Unfassbaren und Anfassbaren wünschen sich mittlerweile alle Beteiligten. Doch der Hype wirft für Hinrichsen und Obert auch Fragen auf. Noch größer, fetter, brachialer, das wäre schon eine Option. »Aber wie sorgt man dafür, dass es immer noch erdig ist?«, fragt Obert und schaut Hinrichsen an, als würde er sich zum ersten Mal darüber Gedanken machen. Anscheinend ist die Euphorie noch zu jung, um sie auf mögliche Haken abzuklopfen.

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Foto: Loïc Pignier alias Highway Holidays

Doom Over Leipzig
08. bis 11. April
Leipzig – UT Connewitz, Galerie KUB, Institut für Zukunft
Das komplette Line-Up und alle Infos gibt es hier

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