Die Vierte der Editors, The Weight Of Your Love

Editors The Weight Of Your Love
EDITORS
THE WEIGHT OF YOUR LOVE
PIAS / ROUGH TRADE – 28.06.2013

Er trägt jetzt Vollbart, Wollpulli, lange Haare. Die Rede ist nicht von Kai Diekmann, dem Chefredakteur der Bild, der sich soeben prominent hat feiern lassen, dafür, dass er sich während eines Aufenthaltes im Silicon Valley selbst verkalifornisiert hat und inzwischen sogar Tumblr-Blogs anlegen kann: statt Anzug und zurückgegeltem Haar jetzt der volle Walden-Style. Wie Tom Smith und überhaupt wie die upgegradeten Editors. Früher, da trugen sie reduzierte Schnitte und Schwarz und Anzüge und jagten ihren Bass durch den Flanger. Früher, da schickte Tom Smith, Sänger der Editors, auch diese hintergründlerische Stimme durchs Mikrofon, und ja, die Editors organisierten auch mal eine Ausstellung in einer kleinen Kreuzberger Galerie.
    Mit The Weight Of Your Love gilt: Hintergrund ist vorbei. Die Editors wollen jetzt den schieren Vordergrund. Sie sind zu fünft statt zu viert, und sie gehen huge. The Weight Of Your Love optiert nicht mehr auf Kiezgalerien, sondern auf riesige Berliner Mehrzweckhallen. Oder gleich auf Münchener Fußballstadien. Den Sound der Editors im Jahr 2013 zu genießen, das bedeutet, der gut eingeführten Parole der Einstürzenden Neubauten zu folgen, wonach es dasselbe ist, zu hören und Schmerzen zu ertragen. Der Titelsong zum Beispiel klingt wie »I Feel You« von Depeche Mode, allerdings ohne jede Kraft, ohne richtige Wucht im Schlagzeug. Stattdessen vernimmt man ein falsches Schmettern unten in der Bassdrum, die wohl bereits von 80.000 im 4/4-Takt klatschenden Händepaaren träumt.
   Die Editors passieren eben die Grenze. Sie tun das richtig, also entweder voller Überzeugung oder voller Spaß an der Konzeptkunst. »Desire, desire!«, ruft Smith gerade aus dem Song »A Ton Of Love« herüber, es klopft ein Schlagzeugsignal zu »amtlichen« Rockgitarren: von jenseits der Grenze zwischen Musiksignal und Formatsignal. The Weight Of Your Love komprimiert jede Äußerung, die im Dienst eines Songs gestanden haben mag, jedes »o-oh-oh«, jedes Streicherarrangement, jede Gitarrenspur zur Emotionsfanfare für die Morning Show. Man könnte sich mit den Editors bestimmt darüber unterhalten. Sie sind ja freundlich. Sie sind ja nicht doof. Nur, diese Musik hören … Nein, das geht nicht lange gut.

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