Aus den Archiven (SPEX 11/ 1992): Diedrich Diederichsens legendäres Stück nach Hoyerswerda und Lichenhagen

The kids are not alright, still! Ein Heft über die neue deutsche Rechte, die Gebrüder Coen, Fela Kuti & Lagos, Danny Brown, Eminem & Detroit – das Editorial zur am Donnerstag* erscheinenden SPEX N°349.

Nie wieder Deutschland!

Ein alter linker Slogan, liebe Leserinnen und Leser, der heute verstaubt wirken mag: In den Jahren vor der NSU-Mordserie schien die Bedrohung von rechts für viele nur noch in der Welt von linken Sektierern und Antifa-Gruppen zu bestehen. Ein Problem, das man ausschließlich in der ostdeutschen Provinz und deren sogenannten national befreiten Zonen verortete, was natürlich schon schlimm war, keine Frage, aber eine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie? Ich bitte Sie! Nun ist eine der bittersten Lehren aus der NSU-Geschichte bekanntlich die, dass die finstersten Visionen der spinnertsten Verschwörungstheoretiker nicht nur weit übertroffen wurden, sondern dass durch institutionellen Rassismus, Behördenversagen und zweifelhafte Strategien vielen der NSU-Morde gewissermaßen der Boden bereitet wurde.

Die Positionierung gegen das deutsche Gespenst ist eines der großen Kontinuen in der wechselhaften Geschichte von SPEX. Ob es um die Radioquote ging, den Kampf der Redskins auch hierzulande oder Diedrich Diederichsens viel beachteten Text nach den Pogromen der frühen 90er – »The Kids Are Not Alright«: Stets hat sich diese Zeitschrift klar gegen rechte und nationalistische Umtriebe positioniert. Anlass für die große Geschichte zum Thema in dieser Ausgabe war nun einerseits der Wunsch, die veränderte Szene einmal in ihrer Gesamtheit zu porträtieren, und andererseits der nach den Wahlerfolgen der AfD und ähnlichen Ereignissen entstandene Eindruck, dass sich Rechtspopulismus und rassistische Thesen zunehmend ins bürgerliche Milieu verlagern.

Rassismus ist freilich ein internationales Thema, das in Deutschland zu Recht immer noch besonders sensibel behandelt werden sollte –ebenso wie der Umgang der Amerikaner mit ihrer verheerenden Liebe zur Waffe. Bereits seit längerem berichtet der US-Autor Steven Lee Beeber für SPEX aus den Untiefen des Amerikanischen (Alb)traums. Mit dieser Ausgabe startet er nun eine neue Kolumne: In der ersten Folge von »Good Morning America« widmet sich Beeber weder Staatspleite noch government shutdown, sondern jenem »uramerikanischen Thema«, das nach dem jüngsten Amoklauf auf einem Navy-Stützpunkt einmal mehr ins Zentrum des Interesses gerückt ist – und nach Beebers Beobachtung ebenso schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwindet wie hier die jeweils letzte Meldung zu neonazistischen Übergriffen.

SPEX N°349: Die Gebrüder CoenEs gibt auch Erfreuliches zu berichten: Das Werk der Gebrüder Coen gehört ohne Frage zu den kohärentesten der jüngeren Filmgeschichte. Als nun der neue Coen-Film Inside Llewyn Davis angekündigt wurde, hatte man zunächst ein wenig Angst vor einer jener typisch verkitschen Pseudodokus, zu denen Hollywood die Pop-Geschichte bisweilen umdichtet. Wer die Coens kennt, ahnte jedoch: ein zweites The Doors oder Velvet Goldmine stand nicht zu befürchten. Statt das Greenwich Village als Hort politischer Rebellion, von freier Liebe und Drogenkonsum zu inszenieren, tauchen die Coens das New York der frühen 60er in tiefe Sepiafarben und Melancholie und konzentrieren sich in einer heiter-makabren Pittoreske auf das Einzelschicksal eines repräsentativen Losers.

Ebenso wie die meisten Themen in diesem Heft sind auch die Coens ein Teil der westlichen Popkultur. Zugegeben: Auch unsere Perspektive ist mitunter eingeengt, die Rezeption in SPEX hat in vielen Fällen zuerst die klassischen Zentren in den USA und England im Blick. Entsprechend selten gelingt es Musikern aus anderen Teilen der Welt, die Popkultur nachhaltig zu prägen. Einer, der das wie kein Zweiter schaffte, war ohne jeden Zweifel Fela Kuti. Zum 75. Geburtstag des 1997 verstorbenen Afropop-Pioniers reiste Florian Sievers in Kutis Heimat Lagos und machte sich auf die Spur des visionären Musikers.

Schließlich und endlich noch ein Hinweis in eigener Sache: Das Jahr neigt sich dem Ende, und wie immer möchten wir in diesem Heft die Leserinnen und Leser aufrufen, ab 31. Oktober in unserem Poll über ihr popkulturelles 2013 abzustimmen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse, die nicht zuletzt zeigen werden, wie richtig oder falsch wir im vergehenden Jahr mit der Themenauswahl lagen.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!
Torsten Groß

*In den Bundesländern, in denen der 31. Oktober als Reformationstag ein Feiertag ist, erscheint die Ausgabe am 1. November.