Das Corpus Delicti: die von Doherty geküsste Raffeiner-Brille

Als wir noch jünger waren, liebe Leserinnen und Leser, waren wir stets und zu jeder Zeit davon überzeugt, dass die Welt untergehen würde. Durch einen atomaren Vernichtungsschlag, eine Naturkatastrophe, den sprichwörtlichen Einmarsch »der Russen«. Wir lasen damals 1984 von George Orwell und Schöne neue Welt von Aldous Huxley und die Optimistischeren unter uns – wenn man als halbwegs vernünftiger Mensch in den 80ern eines schon aus Prinzip nicht war, dann: optimistisch – gingen davon aus, dass die künftige Gesellschaftsform wohl einer Mischung beider Dystopien gleichen würde. Die meisten vertraten freilich die Ansicht, sich über die Zukunft grundsätzlich keine Gedanken machen zu müssen, weil man sie ohnehin nicht erleben würde.
Keineswegs handelte es sich hier übrigens ausschließlich um naive Gedanken adoleszenzverwirrter Teenager. So war damals eine Volkszählung geplant, in deren Verlauf man gebeten wurde, einige private Informationen anzugeben. Das Unterfangen rief bei der Generation meiner Mutter angesichts der deutschen Vergangenheit einiges Entsetzen hervor. Die Volkszählung wurde von vielen boykottiert und schließlich durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gekippt. Ein aus heutiger Sicht undenkbarer Vorgang: Die meisten Leute geben bekanntlich freiwillig weit mehr von sich preis als nur ein paar personenbezogene Daten. Von daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich kaum einer über die Enthüllungen des sogenannten Whistleblowers Edward Snowden aufgeregt hat. Wir leben heute im neoliberalen Westen offenbar tatsächlich in einer Mischung aus 1984 und Schöne neue Welt, aber zu stören scheint es die Wenigsten. Was die Enthüllungen, die fortgeschrittene Datenunsicherheit und -speicherung und die Verwendung derselben tatsächlich bedeuten, aber auch: welche Chancen in dieser Entwicklung liegen, beschreibt der Netz-Experte und -Aktivist Michael Seemann in dieser Ausgabe.
Nicht nur bei einem so emotionalen Thema sollte man sich insbesondere als Pop-Journalist immer wieder fragen: Wo ist die Grenze, ab der man seine Unbefangenheit verliert und also nicht mehr über ein Thema schreiben sollte? Eine Frage, die ich mir gestellt habe, als es darum ging, einen Autor für die Titelgeschichte dieser Ausgabe zu finden. Seit vielen Jahren verfolge ich die Karriere von Casper. Bereits im Vorfeld der Produktion seines neuen Albums führte ich immer wieder lange, durchaus auch kritische Gespräche mit ihm. Die Entscheidung, die Geschichte selbst zu schreiben, fiel schließlich aufgrund der Substanz dieser Gespräche und der inhaltlichen Chancen, die sich aus meiner Nähe zum Künstler ergaben. Entgegen der sonstigen Heftregel verzichte ich in diesem Interview aufs übliche Sie, ansonsten habe ich indes versucht, so ausgewogen wie möglich über das neue Casper-Album Hinterland zu schreiben.
Kumpelhafte Züge trug auch die Begegnung von Arno Raffeiner mit Peter Doherty beim Melt!-Festival in Gräfenhainichen. Interviews mit dem in vielerlei Hinsicht notorischen Doherty sind bekanntlich überaus selten, trifft man ihn allerdings, hält er mit seiner Zuneigung nicht zurück, wie Sie in dieser Ausgabe lesen können. (siehe Foto)
Nachdem wir zu Beginn des Jahres die Veranstaltungsreihe Monsters Of SPEX reaktiviert haben, folgt am 26. September die Fortsetzung im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Im Hamburger Mojo-Club werden an diesem Abend Ghostpoet und Marques Toliver & the Sometimes auftreten. Nur einen Abend später, nämlich am 27. September, präsentieren wir dann in Kooperation mit Marek Lieberberg den Auftakt einer neuen SPEX-Konzertreihe: Over The Radar stellt aufstrebende Künstler aus dem SPEX-Universum vor, die sich in Internet oder erstem Markt bereits einen Namen gemacht haben. Wir freuen uns sehr, die Newcomer-Sensation The Strypes, den tollen Willis Earl Beal (den Daniel Gerhardt für diese Ausgabe in Amsterdam getroffen hat) sowie No Ceremony im Grünspan begrüßen zu können – und hoffentlich auch zahlreiche Leserinnen und Leser.

Bis dahin viel Spaß mit dieser Ausgabe!
Torsten Groß

SPEX N°347 erscheint am Mittwoch am Kiosk.