Das Editorial zu SPEX N°346 (ab Donnerstag am Kiosk)

SPEX N°346 Editorial

Wir sind überflüssig, liebe Leserinnen und Leser!

Zumindest – und das ist keineswegs kokett gemeint – fühlt es sich bisweilen so an. Als sich zum Beispiel während der Produktion dieser Ausgabe in Istanbul die Ereignisse überschlugen, kam uns die enorme Bedeutung, die wir stets der Auswahl von Fotos, wichtiger Musik, Illustrationen und Texten beimessen, etwas kleinkariert und unangebracht vor. Einerseits. Andererseits tat es in diesem Fall auch ganz gut, dass durch den alten motherfucker Weltgeschehen die Verhältnisse mal wieder ein bisschen zurechtgerückt wurden: Die Arbeit an diesem Heft war ein Trümmerhaufen, ein Drama, nicht mehr und nicht weniger als die pannenreichste Produktion der jüngeren SPEX-Geschichte. Immer wieder wurden kurzfristig Mitarbeiter krank, Interviews abgesagt, Fotos zurückgezogen, kurzum: Es funktionierte nichts. Aber was ist das im Vergleich zu den Dingen, die parallel in der Türkei passierten? Eben, nichts. Und so trugen wir unser Schicksal mit einer Mischung aus Demut und Galgenhumor, was schließlich, so finden wir jedenfalls, dann doch noch zu einer sehr guten und besonderen SPEX führte – in der die Politik eine größere Rolle spielt als sonst.
   Doch der Reihe nach: Lange trieb uns etwa die Frage um, wie wir als sechswöchig erscheinende Publikation ein Ereignis wie die Geschehnisse in Istanbul abbilden sollten. Aktualität konnte naturgemäß nicht unser Anspruch sein. Trotzdem hatten wir das starke Bedürfnis, unsere Solidarität mit den Protestierenden in der Türkei auszudrücken. Nur wie? Neben einer gratis abgedruckten, ursprünglich im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne für die New York Times gestalteten Anzeige kam uns die rettende Idee ausgerechnet während der Arbeit an unserer großen Titelgeschichte zum 50. Jubiläum der »I Have A Dream«-Rede von Martin Luther King. Hätten wir einen Augenzeugenbericht von jemandem gehabt, der, sagen wir, bei den sogenannten Watts-Unruhen von 1965 auf ähnliche Weise im Zentrum der Ereignisse stand wie unsere Autorin Nina Ludolphi aktuell in Istanbul, hätten wir diesen Bericht auch 50 Jahre später mit Begeisterung gedruckt. Denn was wir in Istanbul erlebt haben, war nicht mehr und nicht weniger als die Geburt einer neuen türkischen Bürgerrechtsbewegung, welche die enormen gesellschaftlichen Spannungen in dem zunehmend zwischen Orient und Okzident zerriebenen Land endlich angemessen und vor allem: friedlich formuliert. Ein historisches Ereignis, dessen Geburtsstunde wir hier fotografisch und textlich aus maximaler Nähe dokumentieren.
   Doch nicht nur MLKs große Rede hat Geburtstag, auch ein anderes amerikanisches Jubiläum steht ins Haus: Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach John F. Kennedy besucht Barrack Obama diesen Sommer Berlin. Die Zeiten sind indes andere geworden: Das transatlantische Verhältnis ist heute deutlich angespannter als damals, nicht zuletzt die NSA-Affäre bediente zuletzt ureuropäische Ängste vor dem »Weltpolizist Amerika«. Die Ambivalenz in unserer Beziehung zu den USA wird auch an anderer Stelle in diesem Heft immer wieder deutlich: Georg Seeßlen referiert über den Status: Quo Vadis des Amerikanischen Traums im Hollywood-Kino, Jörg Böckem erzählt die Geschichte der Anti-Superhelden Watchmen, Klaus Walter schreibt über den wohl amerikanischsten aller Rockmusiker, Bruce Springsteen, und Anne Waak interviewt die deutsche Mode-PR-Expertin Rike Döpp, die sich am harten amerikanischen Modemarkt durchgesetzt hat, der legendäre Graffitikünstler und Rapper Mach One schließlich gestaltete exklusiv für SPEX einen besonderen, die Titelgeschichte reflektierenden Ausklang – der durchaus auch das Zeug für ein Titelmotiv gehabt hätte usw. usf.
   Überflüssig fühlten wir uns schließlich auch, als uns an einem Montagmorgen die traurige Nachricht vom Tode des langjährigen SPEX-Autors Tim Stüttgen übermittelt wurde. Nur wenige Tage zuvor hatte ich die letzte E-Mail von ihm bekommen, er hatte ein Porträt von Wakefield Poole, einem Pionier des schwulen Kinos vorgeschlagen. Christoph Gurk erinnert in diese Ausgabe an einen besonderen Menschen.