Editorial SPEX N°345

Ab auf die Matte! Rudi Schenker
Ab auf die Matte! Rudi Schenker

»Rudi Schenker schläft mit Bemer«,
   liebe Leserinnen und Leser – das war dann endlich mal die eine gute Nachricht, die man eben auch braucht, um weitermachen zu können! Es ist einfach zu schön: Der 64-jährige Scorpions-Gitarrist hüpft offenbar nur deshalb noch immer wie ein Flummi über die Bühnen der Welt und rockt selbige wie ein Hurricane, weil er die Vorteile der physikalischen Gefäßtherapie BEMER® für sich erkannt hat. Der Mann achtet auf seine Gesundheit!
BEMER® Decke   Bis zu jener segensreichen Newsmeldung aus Hannover mit obiger Betreffzeile, das können Sie glauben, war die Rezeption der aktuellen Nachrichtenlage eher weniger erquicklich während der Produktion dieser Ausgabe. Bewiesen die Berichterstattung um das Steuervergehen des Uli Hoeneß und die Mitgliedschaft von Bushido in einer mafiösen Vereinigung doch einmal mehr, wie der sogenannte »moderne Journalismus« in Teilen funktioniert: tendenziös. Boulevardesk. Spekulativ.
   Keine Missverständnisse: Es sollen hier weder die moralische noch die justizielle Dimension der Causa Hoeneß/Bushido/Brüderle noch etwa der bürokratischen Details und Peinlichkeiten im Verlauf der Vergabe der Presseplätze im NSU-Prozess bewertet werden. Sondern: die Art und Weise, wie in Zeiten sinkender Auflagenzahlen und zunehmender Bedeutung des alleine durch Klickzahlen definierten Onlinejournalismus die Sachlichkeit immer mehr auf der Strecke bleibt, Fakten zugunsten eines tendenziösen Empörungsjournalismus unterschlagen werden, also ganz allgemein: um die Boulevardisierung immer größerer Teile der deutschen Medienlandschaft, ja der Gesellschaft.
SPEX N°345   Wie man es auch machen kann, nämlich ausgewogen, sachlich, mit ruhiger Hand, zeigt Hans-Henning Paetzke mit seinem Ungarn-Stück in dieser Ausgabe von SPEX. Klassische journalistische Tugenden sind gerade heute wichtiger denn je; das beweist außerdem die – dem Anlass entsprechend auf zwei Seiten ausgeweitete – aktuelle Ausgabe von Tino Hanekamps Kolumne »Dissidenten«: Nach zähem Ringen gelang es Hanekamp, den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Umweltaktivisten Paul Watson im Untergrund aufzustöbern und exklusiv für SPEX zu interviewen.
   Auf andere Weise schwierig gestaltete sich die Recherche der Titelgeschichte: Bereits früh hatten wir uns entschieden, nach mehreren etablierten Titelfiguren mit den Savages einmal wieder eine praktisch unbekannte Band auf ’s Heftcover zu nehmen – und so die Wertschätzung auszudrücken, die das Debüt der Band, Silence Yourself, in der Redaktion genießt. Die Kontaktaufnahme mit der selbstbewussten Band gestaltete sich dann allerdings etwas problematisch. Ein Umstand, der indes nur so lange irritierte, bis wir die Gründe für die Skepsis der Musikerinnen erfuhren, wie Sie ab Seite 26 lesen können.
   »Unbekannt« sind Savages ohnehin nur in der Mainstream-Welt: In den entsprechenden Blogs und Hotlists wird die Band längst hofiert und diskutiert. Dass die Musikerinnen es vor diesem Hintergrund überhaupt noch in den »ersten Markt« schafften – heutzutage beileibe keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer häufiger hat man nämlich den Eindruck, dass viele Stars of internet fame gar nicht mehr über eben diesen hinauskommen. So warten wir eine gefühlte Ewigkeit auf die Debütalben von Azealia Banks und Iggy Azalea. Da die Mühlen in beiden Fällen langsam mahlen, stellen wir Iggy Azalea nun endlich vor – und berichten auch sonst immer wieder unabhängig von Veröffentlichungsterminen dann über Musik, wenn sie uns berührt. Oder auch dann, wenn sie uns kaum interessiert, wohl aber das begleitende Phänomen, wie im Fall von Beyoncé. Phänomenal sind schließlich auch die Bärte von Justin O’Shea, Patrick Grant und Kevin Powers, die sich offenbar den Barbier teilen. Erstere zelebrieren zudem eine Art »Rückkehr der echten Gentlemen« in die Welt der Mode – ausreichend Anlass zu einer Betrachtung.
   Zu einem Ende kommt mit dieser Ausgabe die Reihe »The Great Mistake«. Interessante Designer und ihre Fehlschläge werden wir aber auch weiterhin von Zeit zu Zeit porträtieren. Ebenfalls finalisiert haben wir übrigens das äußere Erscheinungsbild der »neuen« SPEX: Nachdem von vielen zu Recht die Unleserlichkeit der Rezensionen bekrittelt worden war, spendieren wir der Plattenstrecke ab sofort wieder einen größeren Schriftgrad.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe,
Torsten Groß

SPEX N°345 erscheint am Donnerstag, dem 16. Mai.