Editorial SPEX N°342

Neue Musik und Thesen brachte Dirk von Lowtzow persönlich in die Redaktion
Neue Musik und Thesen von Tocotronic brachte Dirk von Lowtzow persönlich in die Redaktion.

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Hi Freaks,

vor einigen Wochen betrat ein besonderer Gast die SPEX-Redaktion: Dirk von Lowtzow war gekommen, um ein zuvor auf dem Berlin Festival gegebenes Versprechen zu erfüllen. Seit den frühen Tagen sei es gute Tradition, so der Sänger, dass die jeweils neue Tocotronic-Platte persönlich bei SPEX abgeliefert werde. Und so hatte er also eine selbst gebrannte und bekritzelte CD sowie drei blass bedruckte A-4-Seiten im Gepäck, die Patrone des Lowtzow’schen Druckers lag wohl in den letzten Zügen. Auf den Seiten fanden sich jene 99 Thesen, die die Veröffentlichung des neuen Albums, Wie wir leben wollen, begleiten – und den Albumtitel um 99 potenzielle Lebensmodelle ergänzen. Da die Thesen auch ohne Zusatz funktionieren, haben wir uns entschieden, sämtliche Geschichten in SPEX N° 342 mit jeweils einem der sloganhaften Statements zu übertiteln.

   Sie halten also gewissermaßen eine Tocotronic-Mottoausgabe in Ihren Händen. Tocotronic waren immer »unsere« Band. Sie haben inzwischen eine Stellung in diesem Land, die am ehesten mit der von Sonic Youth in den USA zu vergleichen ist – sie sind einzigartig. Ein Umstand, der nicht zuletzt verdeutlicht wird durch die zahlreichen Grußworte und Respektbekundungen von Kollegen, Zeitgenossen und Weggefährten in dieser Ausgabe. Gerne hätten wir auch eine kritische Stimme in den Kanon aufgenommen, indes: Es war kaum eine zu hören.

   Mit Wie wir leben wollen tritt die Band nun in ihre klassische Phase ein. Es ist ein hochmemorables, beinahe gediegenes Songalbum aus einem Guss, das nicht nur wegen der Produktionsweise an Werke wie Revolver erinnert. SPEX-Autorin Esther Buss hat über Monate den Entstehungsprozess der Platte begleitet, auch das ein Novum: So nah hatte die Band noch nie jemanden an sich herangelassen. Des Weiteren erinnert sich der vormalige SPEX-Redakteur Christoph Gurk an das frühe Verhältnis zwischen Magazin und Band, das durchaus nicht immer spannungsfrei war, und Martin Hossbach sprach mit Dirk von Lowtzow und Jan Müller. Fotografiert hat die große Titelgeschichte schließlich Heji Shin, an einem kalten Herbsttag im Stadtbad Oderberger zu Berlin. Die Musiker zitterten und bibberten, ließen aber alles klaglos über sich ergehen. Vielleicht auch wegen der Tasche unseres Art-Direktors Andreas Wesle, die Jan Müller als wärmendes Kissen diente.

   Der zweite Schwerpunkt der Ausgabe ist der Jahresrückblick. Nun war 2012 ein seltsames Jahr mit wenigen Höhepunkten, weder kulturell noch anderswo. So jedenfalls haben wir es wahrgenommen. Die Beobachtung, dass viele Menschen die Umstände, unter denen wir leben – und eben auch: leben wollen oder gerade nicht –, vor allem über Gefühle wahrzunehmen scheinen, inspirierte uns zu einer Essaysammlung, die die für uns vorherrschenden Gefühle des Jahres reflektiert. Nun werden Sie sich zu Recht fragen: »Warum denn nur elf Gefühle?«, und die Antwort lautet – trara! –, dass der Dezember leider nicht berücksichtigt werden konnte, weil diese Zeilen Mitte November geschrieben wurden. Smart one, hä?!

   Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache: Das vorliegende Heft ist die letzte Ausgabe, die im zweimonatlichen Turnus erscheint. Nach dem Umzug von Köln nach Berlin war es 2007 zu einer Reduktion der Taktung gekommen, um der Informationsflut des Internets eine entschleunigte Variante entgegenzu- setzen – und damit die Stärken von Print herauszuarbeiten. Zu diesem Grundgedanken stehen wir nach wie vor. Es hat sich aber gezeigt, dass mit einer leicht erhöhten Taktung mehr Themen erreicht und für die Leserschaft aufbereitet werden können. Von daher erscheint SPEX ab sofort achtmal im Jahr. Wir wünschen viel Spaß mit dieser Ausgabe, schöne Weihnachtstage und, sofern die Welt nicht vorher untergeht, einen guten Rutsch. Wir freuen uns auf ein ereignisreiches Jahr 2013!

Herzliche Grüße,
Torsten Groß

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