Editorial SPEX N°340

spex-nc2b0340-editorialLiebe Leserinnen,
liebe Leser,

   hier jetzt ab sofort und für immer: der – zugegeben nicht so große – SPEX-Starschnitt ohne Stars. Folge eins: das für sämtliche Redaktionsmitglieder in den vergangenen Tagen per Direktive vorgegebene Outfit am Beispiel eines – im Gegensatz zu uns, das wollten wir niemandem antun – begehrenswert sportlichen und erotischen Körpers. Zum Nachmachen, Weiterverschenken, Ausschneiden.

   Finden Sie nicht lustig? Gut, einen Versuch war’s wert. Im Ernst: Sie werden sich gefragt haben, was The xx mit Pornografie zu tun haben. Zugegebenermaßen: nicht viel. Und trotzdem könnte man sich die Songs der britischen Band ganz wunderbar als Untermalung jener Porno-Produktionen vorstellen, die der heutigen Stellung von Porno als gesellschaftlich weitgehend anerkanntes Unterhaltungsmedium ästhetisch Rechnung tragen. Filme, wie sie etwa jener unter dem Moniker James Deen agierende US-Darsteller dreht, mit dem Jan Wehn für diese Ausgabe gesprochen hat. Deen gilt als sogenannter Hipster-Pornstar, was nichts anderes bedeutet als: Die von Berlin-Mitte über Silver Lake, L. A. bis East-London international verbindliche Bart- und sonstige Mode hat Eingang in die Pornografie gefunden. Freilich kein neues Phänomen – die männlichen Erotikarbeiter der 80er-Jahre trugen ihren Tom-Selleck-Moustache mit Stolz.

   Hauptanlass für die große XXX-Strecke in dieser Ausgabe ist denn auch eine andere Frage: Wenn Pornografie so normal geworden ist wie Schuheputzen, wie erleben wir sie dann wirklich, wie stark beeinflusst sie unser Denken, unsere Sexualität? Und wie stellt sich die Branche auf die veränderten Rezeptionsbedingungen ein, etwa was Ästhetik und die Darstellung der Geschlechterrollen betrifft? Vor allem der Genderaspekt war uns wichtig: Parallel zur Veröffentlichung des Buchs Shades Of Grey von E L James kam es zu einer ganzen Palette von Erotikveröffentlichungen aus allen Bereichen. Die Mainstream-Medien hatten ihr Sommerlochthema gefunden: Stern, Gala und andere druckten Enthüllungsstorys über weibliche Sexualität und die »Lust an der Erniedrigung«. Obgleich die meisten dieser Geschichten von Frauen geschrieben waren, transportierten sie doch im Subtext vielfach ein ärgerliches Rollenverständnis, wenn – direkt oder indirekt – der Eindruck erweckt wurde, auch die erfolgreiche und emanzipierte Frau treibe ein quasi-natürliches Bedürfnis nach patriarchalischer Unterdrückung um.

   Davon ausgehend nimmt Sonja Eismann einige der aktuellen Veröffentlichungen zum Anlass, in einem Essay über die Rolle der Frau in der Pornografie zu räsonieren. Das haben auch schon andere getan, wir finden allerdings, dass die Debatte in den Feuilletons häufig körperlos und übertheoretisiert geführt wird, weswegen wir das Thema mit einer gewissen Körperlichkeit angehen, die sich nicht zuletzt in den Fotos von Heji Shin ausdrückt.

   Ohne dass wir es darauf angelegt hätten, zieht sich das Thema Sex auch an anderen Stellen durch dieses Heft: Louis C.K. spricht über Masturbation, die Pet Shop Boys reden über Homosexualität im Alter, der Designer Stefan Sagmeister posiert nackt mit seiner Geschäftspartnerin Jessica Walsh, im Rahmen einer Ausstellung fassten wildfremde Menschen Amanda Palmer an die Brüste und Ariel Pink besingt den sogenannten G-Punkt. Einzig Kele Okereke von Bloc Party wollte nicht über Sex sprechen, was natürlich sein gutes Recht ist.

   Auch der 20er-Jahre-Anarchist Erich Mühsam, über den Tino Hanekamp in seiner neuen, kolumnenartigen Reihe Dissidenten schreibt, war alles andere als ein körperloser Mensch, allein die große Liebe fand er nicht. Der Erfolgsautor, Journalist und ehemalige Clubbetreiber Hanekamp ist ein alter Bekannter, bereits in der Vergangenheit hatte er bisweilen für SPEX geschrieben. Wir freuen uns, dass er das ab sofort wieder regelmäßig tut. Anlass zur Erinnerung an Dissidenten jeglicher Couleur gibt es mehr als genug, denn was uns heute fehlt, ist ganz klar auch: mehr Widerstand!

   Viel Spaß mit dieser Ausgabe, lassen Sie sich nichts gefallen, lieben Sie sich und genießen Sie den Sommer!

   Torsten Groß