Liebe Leserinnen, liebe Leser,

    »Versteckspieler«, »The greatest singer without a voice«, »Werbestar für Victoria’s Secret und Cadillac Escalade«, »Cate Blanchett«, »›How does it feeeel?‹«, »Verdammt, warum habe ich eigentlich seine ganzen Platten verkauft?«

    Eine redaktionsinterne Umfrage zum Thema »Spontane Assoziationen zu Bob Dylan« ergab einmal mehr: Das System Bob Dylan (siehe Spex #320) weist in seiner Komplexität weit über das Bild vom jungen, gegen das Weltleiden aufspielenden Mann mit der Gitarre hinaus. In fast jeder Spex wird der Mann aus Duluth, Minnesota aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zitiert, in diesem Heft etwa im Vorspiel für Tobias Levin. Dass er nun – zum zweiten Mal in ihrer Geschichte – auf dem Cover der Spex zu sehen ist, hat allerdings weniger mit Dylan selbst und seinem 70. Geburtstag am 24. Mai zu tun. Es geht uns um seine nach wie vor populärste Rolle, die des prototypischen Protestsängers: Unser Cover-Foto wurde 1963 vom legendären Fotografen Don Hunstein aufgenommen, in dem Jahr, in dem Blowin’ in the Wind auf der bahnbrechenden Platte The Freewheelin’ Bob Dylan erschien. Uns beschäftigt in dieser Spex die Frage, warum es heute undenkbar scheint, dass sich eine Popkarriere noch aus einer selbst formulierten Protesthaltung heraus entwickeln könnte: Christoph Twickel, Hartwig Vens, Klaus Walter und Kristof Schreuf behandeln muliperspektivisch die Frage, warum Protest im Pop verstummt zu sein scheint. Dazu rufen wir in Kooperation mit dem Webradio ByteFM MusikerInnen und Bands auf: Macht zum Song was Euch kaputt macht! Ein Themenschwerpunkt, der schon feststand, bevor Fukushima und Libyen via Live-Ticker zu den aktuellsten Signs o’ the a-changin’ times wurden.

    Im Juni 1981 dokumentierten Mediziner erstmals das Krankheitsbild AIDS. In unserem Special 30 Jahre AIDS fragen wir nicht nur, wie heute popkulturell mit dem HI-Virus und seinen Folgen umgegangen wird. Wir lassen auch Revue passieren, wie Künstler in den achtziger Jahren auf die Pandemie reagierten. Der amerikanische Kunstkritiker Douglas Crimp veröffentlichte 1987 mit AIDS: Cultural Analysis/Cultural Activism ein richtungsweisendes Buch zum Thema. Im Interview erinnert Crimp u.a. an den Aktivismus von Künstlergruppen wie ACT UP und an das Werk Felix Gonzalez-Torres’. Beim Shooting im New Yorker Stadtteil Tribeca traf Crimp zufällig einen alten Bekannten, den Bildhauer Richard Serra. Schaut man das Foto von Adrian Crispin an, kann man Crimp fast über die Straße rufen hören: »Hey Richie, was macht der Stahl?«

    Und wenn sich dieses Heft trotz dieser schwer gewichtigen Themen leicht und frisch blättert, könnte das am Layout liegen: Unser neuer, bereits im letzten Heft vorgestellter Art-Director Andreas Wesle hat für einen umfassenden visuellen Relaunch gesorgt, mit mehr Luft, mehr Spiel, mehr Perspektiven. Wir sind hingerissen und gespannt auf das Echo unserer Leserschaft.

    Die Redaktion