Wie macht man das eigentlich, liebe Leser_innen? Ein Magazin, das 39 Jahre lang als Zentralorgan intelligenter Pop-Kritik galt, das für seine Haltung von vielen so leidenschaftlich gehasst wie von anderen geliebt wurde, das so sehr für ein gewachsenes Verständnis von Print stand, wie kaum eine andere Publikation, wie führt man das mal eben ins Internet über? Gute Frage, wie wir spätestens in den vergangenen vier Wochen gelernt haben.

Schnell wurde klar, dass es nur einen Weg gibt: mit einer großen Portion Mut. Nein, nicht von der Sorte, bei der man blind alles durcheinander würfelt, keine Sorge. SPEX wird SPEX bleiben. Ein Hort für neue Ideen, für randständige und verstiegene Musik, ein Raum für Diskurs und Dissens. Ein Magazin für Popkultur. Und ein verdammt gutes zudem, wie wir finden.

Zeichnung: Stefan Marx

Allerdings scheint sich in den vergangenen Monaten und Jahren die Ansicht durchgesetzt zu haben, dass man sich als Journalist_in, statt solchen Ansätzen zu folgen, auch gleich in eine Teergrube stürzen könnte – nachdem man pro forma Privatinsolvenz angemeldet hat. Sie kennen die Leier: Mit Journalismus verdient man keinen Cent mehr, mit solchem über Pop schon gar nicht und im Internet sowieso nur noch, wenn man in Massen liefert und auf Qualität pfeift. Schnell muss es sein. Und oberflächlich. Das wollen die Leute eben so.

Die bittere Erkenntnis ist, dass diese Einschätzung teilweise sogar zutrifft. Daran sind nicht einzelne Personen oder Publikationen schuld, sondern wir alle. Allzu sorglos haben wir unsere Diskursräume einer Handvoll IT-Riesen überlassen und dabei schrittweise unser Denken und Schreiben an deren Geschäftslogik angepasst. Was verkauft sich gut? Gute Laune und affirmative Gesten. Oder Hass und kategorische Ablehnung. Und wo florieren diese? In „gated communities des Geschmacks“, wie Tom Holert im seinem Essay zur Zukunft des Pop-Journalismus in der letzten Print-SPEX treffend schreibt. Räumen also, die persönliche Vorlieben, Meinungen, Identitäten und so ziemlich alle anderen Regungen des menschlichen Geistes hätscheln und vor unerwünschten Eindringlingen schützen. Widerrede? Lieber nicht.

Das mag krass klingen, doch seien wir ehrlich: Auf nichts anderes zielen die algorithmisch gesteuerten Filterblasen von Spotify, Facebook und anderen Anbietern ab. Ein gut geölter Mechanismus, der Vielfalt und Herausforderndes gezielt unterwandert.

Gerade deshalb liegt für uns die Antwort auf die Frage, wie man das denn macht mit dem Neustart von SPEX, in einer weiteren Frage: Wollen die Leute das wirklich so? Wir sind der Überzeugung, dass das nicht stimmt. Zumindest nicht von uns. Womit wir wieder beim eingangs erwähnten Mut angekommen wären. Wir haben es uns mit SPEX zum Ziel gemacht, dieses System der Mittelmäßigkeit mit den uns verfügbaren Ressourcen entschlossen und beherzt anzugreifen. Um Privilegien zu hinterfragen und sexistische und rassistische Strukturen aufzudecken. Und um einen Vorschlag zu formulieren, wie guter Pop-Journalismus im Netz aussehen kann, ohne sich dessen vermeintlichen Regeln zu beugen. Und einfach mal ganz platt zu sagen: Fickt das System!

Ganz konkret bedeutet das vor allem, dass wir hier weiterhin auf das setzen wollen, wofür SPEX unserer Meinung nach steht: Tiefgang, Reflexion und Raum für die wildesten Ideen unserer Autor_innen. Sie werden bei uns in Zukunft nicht massenhaft Neuigkeiten lesen, sondern durchdachte Inhalte. Listen werden Sie ebenso vergebens suchen, dafür aber vielleicht ein wenig mehr Zeit mit einem Long Read verbringen können. Und wer weiß, vielleicht können wir mit Ihrer Hilfe sogar ein Exempel statuieren.

Wo wir gerade bei Ihnen sind: Ohne Sie wäre das alles natürlich nicht zu machen, keine Chance. Nicht ohne Ihre überwältigende Unterstützung, Ihre Hinweise und jahrelange Treue. Dafür möchten wir Ihnen von Herzen danken und hoffen, dass wir das Vertrauen zurückzahlen können. Dass das alles nicht über Nacht geht, ist allerdings die zweite Sache, die wir in den vergangenen Wochen lernen mussten. Wir bitten Sie also um Ihr Verständnis dafür, dass einige Neuerungen erst in den kommenden Tagen und Wochen ihren Weg auf die Seite finden werden. Unser neuer SPEX-Podcast beispielsweise, oder das komplette Archiv, dem in der Zwischenzeit schon ein Scanner zum Opfer gefallen ist. Bis dahin aber erstmal: Viel Spaß mit der neuen SPEX!

Für die Redaktion
Ihr
Dennis Pohl