Ed Banger / Digitalism / Simian Mobile Disco

Edbanger

Hört ihr die Signale? Traut man dem Hype um das Pariser Label Ed Banger, dann befinden wir uns mitten in einem neuen Zyklus heftiger Komplexitätsreduktion. »Bratzen« oder »Rocken« nennt man das im Clubmusik-Diskurs, wenn Stumpfsinn erlaubt ist und Zivilisationsbrüche erwünscht sind. Im Netz jedenfalls liest man Sensationsreportagen von Ed-Banger-Partys, weil es dort so fabelhaft »rocke« und »bratze« (bei »Ed Banger« soll natürlich jeder an die französische Aussprache von »Headbanger« denken). Als konzeptuelle Vorläufer sind dabei unschwer Mr. Oizos »Flat Beat« und »Da Funk« von Daft Punk auszumachen. Kein Wunder, denn Mr. Oizo veröffentlicht auf Ed Banger, Daft-Punk-Manager Pedro Winter alias Busy P gründete das Label im Jahre 2003. Inspiriert ist die Ed-Banger-Klangsignatur zudem vom Hooligan-House der Basement Jaxx, gefilterte und verzerrte Hiphop-Breakbeats sind typische Grundformen.

    Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht mit den simplen Reizen, selbst Pawlowsche Partysignale lassen sich so codieren, dass sie zu doppelten Botschaften werden. Wer hier hyperfunktionale Soundtracks zum Sekt-über-die-Birne-Kippen erwartet, ist überrascht, wie vielschichtig und referenziell die Künstler mit Gaga-Namen wie Krazy Baldhead, Mr Flash und Vicarious Bliss trotz aller vordergründigen Gags und Gimmicks klingen. Die Stimmung wechselt zwischen hysterischen und entspannten, stickigen und luftigen Phasen. Und in den Ritzen der bassbrummenden Comic-Ästhetik finden sich allerlei pophistorische Spurenelemente: Europe-Synthies, Bon-Jovi-Schweinerock, Acid-Geblubber, zerhackte Disco-Streicher, fiese Funkrock-Slap-Bässe, Run DMC, Kompakt-Schaffel – you name it. Mr Flashs »Disco Dynamite« etwa ist eine Symbiose aus MC Hammers »U Can’t Touch This« und New Rave. Es wird eben augenzwinkernd um die Ecke gebratzt, der Wille zum Zitat macht dieses Holterdiepolter auch für Connaisseure und andere Agenten der Verfeinerung attraktiv.

DigitalismAuch die beiden Hamburger Jungs Isi und Jens von Digitalism sind längst anerkannte Meister im nuancenreichen Ausformulieren von Stumpfsinn. Ihr schwelgerisch schmetternder Wave-House verdankt sich drei weisen Maximen: »Wir trinken«, »Wir haben Spaß«, »Wir sehen kein Tageslicht« (O-Ton). Nach diversen Maxis, darunter der Clubhit »Zdarlight«, haben sie nun mit »Idealism« ihr erstes Album veröffentlicht, das auf dem französischen Label Kitsuné erscheint. Die Kollegen von Ed Banger kennen sie von gemeinsamen Clubauftritten. Wie die französischen Bratzer haben sie es auf das Vegetativum abgesehen. »Digitalism haben sich auf elektronische Musik spezialisiert, zu der sich wunderbar rocken lässt«, teilt die Plattenfirma dazu mit. Die Beobachtung vom Anfang wird also bestätigt, wobei »Rocken« hier weitaus buchstäblicher gemeint ist als bei Ed Banger. Der energetische Gesang und die hoffnungslos übersteuerten Hackepeter-Sounds klingen wie (Punk-)Rock ohne Gitarren. »Pogo« – der Titel der Singleauskopplung – weist programmatisch darauf hin, dass Digitalism keine dialektischen Umwege suchen: Es geht nur rauf oder runter, selten zur Seite. In das atmosphärische Vokabular des Clubs übersetzt: Es gibt die Eskalation, dann kommt der alles verzehrende Stillstand (Ekstase), dann geht es die Rolltreppe abwärts, und es folgt flächiger Kitsch. Die fröhliche Maschinenstürmerei von Digitalism, die sich auf ihrer Webseite in Kraftwerk-Garderobe präsentieren, erinnert dabei ein bisschen an Egoexpress, die Hamburger Urväter des Indie-House. Als Energiequellen zapfen auch Digitalism die Jahre 1977 bis 1981 an, »Digitalism In Cairo« zum Beispiel ist eine Bearbeitung des Cure-Songs »Fire In Cairo«.

SimianVerzerrte und verkrachte Filtereffekte sind auch bei Simian Mobile Disco Standards. Das Projekt der beiden Engländer James Ford und James Shaw ging aus der Indie-Band Simian hervor. Die Musikindustrie sieht sie als Schleusenöffner für die Indiepop-Massen, die wegen Simian Mobile Disco den Weg in den Club fänden (so wie früher die Britpopper wegen den Chemical Brothers). Geile Synergie: Simian Mobile Disco wollen das Beste aus beiden Welten, ihre strategischen Partnerschaften sind beachtlich. James Ford produzierte die Alben der Klaxons und Arctic Monkeys, ihr Label Wichita beherbergt auch die Band Bloc Party. In der Tat präsentieren Simian Mobile Disco auf ihrem Album »Attack Decay Sustain Release« den NME-geschulten Indie-Kids eine Art zweiten Bildungsweg nach der School of Rock: eine Lektion Acid, eine Projektstunde Electro-Progrock, eine Hausaufgabe in Synthiepop und ein bisschen Nachhilfe in Ibiza-Trance; mit Simon Reynolds als Pflichtlektüre. Der Höhepunkt ist sicherlich »It’s The Beat« mit der Sängerin Ninja von The Go! Team: eine euphorische Mischung aus Basement-Jaxx-Angeberei und Technotronic-Naivität und dabei stets – wie auch die Tracks von Digitalism – angenehm unpräzise und ›indie-mäßig‹ verschmiert.

    »It’s The Beat« – diese philosophisch schlichte Selbstaussage könnte denn auch der gemeinsame Nenner von Ed Banger, Digitalism und Simian Mobile Disco sein. Der bloße Beat ist schon genug Botschaft, jeder (Diskurs-)Überbau wäre ein Verbrechen. Das Versprechen dieser drei selbstbewussten Club-Phänomene lautet, dass maßgeschneiderte Stimulus-Response-Verhältnisse in der Disco heutzutage so sublim und subtil sein können wie die trickreichsten Winkelzüge des Pop-Dandyismus. Sagen wir es so: Wenn Karl Lagerfeld im Ballermann Animateur wäre, würde er Ed Banger, Digitalism und Simian Mobile Disco als Sound-Ausstatter anheuern. Man stelle sich Sangría-Horden mit parfümierten Hermès-Halstüchern vor. Oder, das Sinnbild anders gewendet: Postmoderne Hipster, denen aus lauter Leichtsinn eine Gräte im Schlund der Distinktion stecken bleibt.

Die Compilation »Ed Rec Vol. 2« (Ed Banger/Discograph) und Digitalism’s »Idealism« (Kitsuné/EMI) sind bereits erschienen, »Attack Decay Sustain Release« von Simian Mobile Disco erscheint am Freitag, 22. Juni (Wichita/Rough Trade), »†« von Justice erscheint am 20. Juli (Ed Banger/Warner Music)

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