Ebony Bones im Porträt

Welches ist das ödeste aller Popklischees? Genau, dieses ›England, du hast es wirklich besser als wir‹. Allerdings kann man punktuell ruhig zugeben, dass dieser Satz etwas Wahres hat. Erst Beth Ditto, dick, achselbehaart und nackt auf dem Cover des NME, und jetzt eine Künstlerin wie Ebony Bones in der Rohrpost zum Erfolg. Wobei, was heißt jetzt – schon seit ihrem ersten öffentlichen Auftritt vor etwa einem Jahr riecht für sie alles nach einem kometenhaften Aufstieg. Denn Ebony Thomas, 1980 als Kind westindischer Einwanderer in London geboren, Vorstand und Alleinbestimmerin ihrer eigenen Band, lässt endlich wieder von der Ungezügeltheit des Pop träumen – und das abseits jeglicher Plattenfirmen-Release-Schedules: Die Frau hat bis heute noch keine einzige Platte veröffentlicht.

EbonyBones

    Ihre jahrelange Karriere als Soap-Darstellerin in der britischen Serie »Family Affairs«, die ihr mehrfach die zweifelhafte Ehre einer Nominierung als »Sexiest Female« auftackerte, spielt in ihrer anderen und neuen Identität als Musikerin keine Rolle mehr. Stattdessen: gellende Referenzen an die Frauen des Postpunk, an Afrobeat, scheppernden New Wave und Electro-Hiphop. Wie sehr würde man sich wünschen, nachdem Ebony gerade mit ihren Idolen The Slits in Frankreich auf Tour war, dass singende deutsche Soapstarletten jemals, in einem fernen Universum, überhaupt Bones’ und The Slits’ Namen vernommen hätten?!

    Ebonys Musik gibt es bis heute nur live und auf Myspace. Mit ihrer Musik verbeugt sie sich unüberhörbar vor VorfahrInnen wie ESG, Grace Jones, X-Ray Spex, Siouxsie & The Banshees, Afrika Bambaataa, The Clash, Tom Tom Club und Nina Hagen (ihnen allen dankt sie auf ihrer MySpace-Site für Inspiration), und das tut sie so hemmungslos und raffiniert primitiv, dass sie eigentlich Anspruch auf den Titel einer Meta-Art-Brut hätte. Wie eine postironische, den Objektstatus endgültig verkehrende Josephine Baker fegt sie über die Bühne, trägt dabei irrwitzige Verkleidungen aus Indianerkopfschmuck und Skeletthandschuhen – und erobert mit Parolen wie »No Blacks, No Irish, No Dogs« den reggae- und dubverliebten Postpunk von den Weißen zurück. »Ich habe den Song ursprünglich als Referenz an die ›Rassentrennung‹ im Großbritannien der Sechziger geschrieben, als überall Schilder mit diesem Slogan zu sehen waren. Das war eine sehr schwierige Zeit für Immigranten, darunter auch meine Eltern, die damals gerade aus der Karibik gekommen waren. Heute klingt das nostalgisch, aber der Song zieht Parallelen zur jetzigen Situation und unserem andauernden Bedürfnis nach Dämonisierung und Stereotypisierung – ob es um Schwule, Lesben, Moslems, Migranten oder andere ›Abweichler‹ geht. Der Subtext des Songs spricht davon, diese Differenzen zu umarmen, statt immer wieder Klischees auf Repeat zu schalten«, erklärt Ebony.

    Auch die feministischen Anliegen von Vorgängerinnen wie Delta 5, deren »Mind Your Own Business« Ebony Bones zitiert, werden weitergetragen: »Die Medien bringen uns Mädchen bei, dass wir nur Rockstar-Power für uns abzweigen können, indem wir Groupies werden, mit dem Arsch wackeln und mit etwas Glück für die Nacht erwählt werden. Wir lernen, dass die einzige Art, irgendwo hinzukommen, stets über Männer führt. Und das ist eine Lüge.« Von den großartigen Gags, welche die manische Alles-selbst-Produzentin bisweilen auch in petto hat – auf ihrer Site typisiert Ebony Bones ihre Musik als »like Harry Potter with a vagina«, Songs gibt sie Titel wie »Don’t Fart on My Heart« –, sollte man sich also nicht vorschnell ablenken lassen. Ganz offensichtlich will die Frau viel mehr von uns als nur Lacher.

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