Earth The Bees Made Honey In The Lion’s Skull

Der kontemporäre Doom Metal wurde hauptsächlich durch die Band Earth geprägt. Vor 14 Jahren veröffentlichte Dylan Carlson die monolithische Arbeit »Earth 2 – Special Low Frequency Version«. Seine sich in Zeitlupe entwickelnden tonnenschweren Akkordprogressionen und donnernden Bassbewegungen prägten den Begriff ›Heavyness‹ neu und bildeten das Fundament für seinen heutigen Kultstatus – der allerdings damals keineswegs, wie allerorts behauptet wird, vorhanden war.

    Nach 9 Jahren Pause erschien auf dem Label Southern Lord Records die Platte »Hex: Or Printing In The Infernal Method«. Anstatt das Klangspektrum subharmonischer Gitarrenarbeit erneut auszuloten, fokussierte sich Carlson ausschließlich auf die Vielfalt traditioneller amerikanischer Musiken. Mit »The Bees Made Honey In The Lion’s Skull« präsentiert er nun eine unter klangästhetischen und kompositorischen Gesichtspunkten gereifte Fortsetzung. In nahezu kammermusikalischer Akribie arrangiert er ein dichtes Geflecht aus sich ruhig entfaltenden, atmenden Gitarrenfiguren – die nach wie vor dem Country und Blues entlehnt sind – über langsam aber stetig fortschreitende Drums. Die bereits auf »Hex …« vorgefundene minimalistische Gestaltung – die dort allerdings in der spärlichen Instrumentierung zum Vorschein kam – wird nun in die kompositorische Form einzelner Stücke eingearbeitet. So erklingt beispielsweise in den ersten Minuten von »Miami Morning Coming Down II (Shine)« eine zuckersüße Melodielinie in beständiger Wiederholung. Man wird an Erik Saties Idee einer »Musique d’Ameublement« erinnert, die durch wohlige Schwingungen und in ihrem funktionalen Charakter dem Zuhörer den größten Komfort bieten soll.

    Am eindrucksvollsten sind jedoch die unter Miwirkung Bill Frisells entstandenen Stücke. Der New Yorker Gitarrist gehört zu den weltweit versiertesten Vertretern seiner Zunft, in nahezu allen Stilen zuhause zeichnet er sich durch einen elegischen Ton aus. In Anlehnung an das Klavier werden dichte Akkordstrukturen erzeugt und die virtuose Verwendung von Flagoles lässt den Zauber und die beschwingte Filigranität der Obertöne anklingen. Sein Gitarrenspiel erscheint extraterrestrisch, zeitgleich aber sehr konkret, lässt an weite, unberührte Landschaften denken, ist dabei frei von jeglichem New Age-Schwachsinn und klingt in seiner virtuosen Schlagfertigkeit präzise auf den Punkt gespielt. Zudem benutzt er elektronische Effekte um seine Sounds zu loopen, zu pitchen und rückwärts abzuspielen. Mit diesem Effektmix klingt das Stück »Engine Of Ruin« aus, eine sich langsam vorwärts bewegende Blues Rock-Komposition, die von Frisells glasklaren Harmonien eindrucksvoll dominiert wird.

    Besonders reizend sind darüber hinaus seine kleinen elektro-akustischen Einsprengsel, wie zum Beispiel zierliche Saitenkratzer oder rumpelnde Equalizermodulationen. Nicht umsonst wird in den Liner Notes der Platte darauf verwiesen, dass Frisell neben der Gitarre auch den Verstärker spielt. So schlau gewählt auch Bill Frisells Gastspiel ist, so kompliziert gestaltet es sich in Anbetracht seines Vorwerks; hat er doch mit Alben wie »Nashville« oder »Happy Man Good Dog« eine ähnliche, auch dem Country entlehnte, allerdings viel elegantere Klangsprache entwickelt, der lediglich die schwermetallische Referenz fehlt. Auffällig ist nämlich, dass die mit Frisell entstandenen Stücke ausgereifter erscheinen, da sie in ihrem Arrangement und in der klanglichen Ausarbeitung stichhaltiger und pointierter sind und die restlichen Kompositionen überragen. Den übrigen Stücken haftet – wie bereits denen auf »Hex …« – eine gewisse Form der Lethargie an.

    Musikalische Risiken geht Carlson auf dem aktuellen Album nicht ein. Dabei hätte man sich vorstellen können, dass er auf »Miami Morning Coming Down II (Shine)« den bereits auf »Hex …« erarbeiteten Minimalismus auch in jener abenteuerlichen Form auf andere Stücke hätte übertragen können – was im Zusammenhang mit der Instrumentierung der Platte vermutlich zu wunderschönen, elegischen Resultaten geführt hätte. Interessant wäre auch eine Integration von Streichern und Bläsern gewesen – ein von Carlson in zahlreichen Interviews vielfach geäußerter Wunsch, der leider nicht realisiert wurde. So schlägt sich alles, bedauerlicherweise, in einem solide gespielten musikalischen Konservatismus nieder, der nur kurzfristig zu begeistern weiß und von Earth eigentlich am wenigsten zu erwarten war.

LABEL: Southern Lord

VERTRIEB: Soulfood

VÖ: 15.02.2008

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