Eagle*Seagull

Wenn man ihnen Böses wollte, würden man sagen, eagle*seagull kämen mindestens eine Saison zu spät (hier in Deutschland an). Im letzten Herbst/Winter wären sie ein sicherer Gewinner gewesen. Nicht, dass sie nahe liegende musikalische Verwandte wie The Arcade Fire, The Decemberists und Clap Your Hands Say Yeah locker in die Tasche gesteckt hätten, aber sie beackern, behaupte ich mal, das gleiche Feld und Publikum, arbeiten im selben Songschreibermetier. Hoffentlich erinnern sich die Indie-Sachverständigen und Popmelancholiker aber auch in diesem Herbst daran, dass prima Songs, sehr gut verträgliche Schwermut, akzeptable Euphorie und bescheidenes Pathos aus Dramaturgiegründen eigentlich immer gehen.
    Grundsympathisch ist, dass die Band aus Lincoln, Nebraska keine Hemmschwellen zu besitzen scheint, was den Einsatz eindringlicher Stilmittel angeht ? meist immer dann, wenn ein Song zu gewöhnlich zu werden droht, das haben sie mit Arcade Fire gemein. Eine ganz wunderbare Definition von Popmusik ist das. Kein Song ohne Bruch. Ihr Debütalbum beginnt dementsprechend mit einem traurigen Kopfschiefleger, der gegen Ende zur zelebrierten, dezenten Noiseattacke wird. Stück Nummer zwei, das phänomenale »Photograph«, düst rauschhaft dreieinhalb Minuten durch watteweiche Kumuluswolken, um sich dann – Kopf in den Nacken – in elegische Weiten fallen und auf Emphasewellen in Richtung rettendes Ufer treiben zu lassen. Song drei, »Hello, Never«, täuscht am Anfang jene Lässigkeit an, wie wir sie dank Slide-Guitar- und Piano-Ähnlichkeiten von Pavements »Range Life« kennen, sodass alle Welt denkt, eagle*seagull hätten auch nur entfernt etwas mit deren Slackertum zu tun. Und wenn schon, es wäre ein eigentlich gerechtfertigtes Kompliment, würde der Hase nicht ganz woanders laufen. (Im Übrigen befreit sich der genannte Song, natürlich, sehr bald aus der musikalischen Zitatumklammerung). Weiter geht es mit düsteren Prophezeiungen aus einer Zwischenwelt, die nicht genau weiß, ob sie auf den Namen Indieamerika oder Bristol-Melancholie hört. Von einer nach Weite gierenden Zusammengerolltheit in »Holy« gestützt, ändern die sechs grundguten Menschen, anders kann das gar nicht sein, auch weiter ständig die Richtung. Ihr größtes Plus also: Abwechslung im ach so einheitlichen Indiebrei. Wer diese Platte ein Jahr nach ihrem US-Release, die Band ist also gar nicht wirklich »spät dran«, eher die hiesigen Verleger, auch jetzt verpasst, hat entweder kein Herz für zwischen den Zeilen Unterschiedlichkeiten herauslesenden, ach so vermaledeiten Indierock oder hat sein Musikherz bei Leser-werben-Leser-Aktionen des Springer Verlags verloren.
    Menschen mit Emotionalitätsproblemen, Orchesterpopsongverächter und Kleinode, hübsche Wendungen und Details übersehende Miesmuscheln hören also besser weg.

LABEL: Lado

VERTRIEB: SPV

VÖ: 15.09.2006

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