Dylan Jones „David Bowie – Ein Leben“ / Review

Es scheint eine nie versiegende Quelle interessanter und ergreifender Geschichten zu sein: das Leben von David Bowie. Eine Vielzahl an Büchern gibt es schon, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die Person hinter dem Starman zu ergründen. Das Neueste ist nun David Bowie – Ein Leben, geschrieben vom Britischen Journalisten Dylan Jones, der sich hierfür auf empirische Quellen bezog. Auf Deutsch ist es nun bei Rowohlt erschienen. 

Neues über den Mann, der vom Himmel fiel: Der GQ-Redakteur Dylan Jones hat über 180 Interviews mit Bowies Freundeskreis, Familie und Poplegenden geführt. Mithilfe dieser akribisch gesammelten Stimmen wird der Werdegang von David Robert Jones zu David Bowie rekonstruiert: eine 69 Jahre lange Tragikomödie mit vielen Stationen, Drogen und noch mehr stilistischen Häutungen. Das narrative Prinzip der oral history kennt man hierzulande etwa von Jürgen Teipels Punk-Dokuroman Verschwende deine Jugend, in der Causa Bowie bewährt es sich besonders gut.

Erinnerungen alter Weggefährt_innen zeichnen das Bild eines jungen Mannes, der raus aus dem grauen Familienhaus wollte und immensen Ausdrucksdrang in sich trug. Dank Hanif Kureishi erfährt man auch viel über das London der Sechzigerjahre, doch die schönsten Szenen finden sich oft zwischen den Zeilen: Ein früher Gig floppte, der junge Bowie musste heulen. An anderer Stelle besuchte er ein Konzert von Little Richard, der einen Kollaps simulierte. Ein Jugendfreund erinnert sich, dass Bowie darauf hereinfiel und wie paralysiert war.

Aufgrund der multiperspektivischen Machart wird sich dieser Beitrag für die Blackstar-Forschung als noch wertvoller erweisen als die schon ertragreiche Bowie-Biografie von Marc Spitz. Das auch, weil Jones viel aus seinen Bowie-Interviews einbaute, in denen dieser überraschend offen über seine Familie und musikalische Sozialisierung sprach. So eindrucksvoll diverse O-Töne von Ikonen wie Iggy Pop auch anmuten, noch bewegender ist der Abschluss: Hier findet man den Dankesbrief eines Palliativarztes, der davon berichtet, wie er mit einer Patientin über Bowie schwärmte. Über 800 Seiten, die den Mythos nicht aufheben können, sich diesem aber äußerst intim annähern. Bowie als Halbgott, aber auch als Kaffee einkaufender Nachbar – ob er das wohl freigegeben hätte?

Diese Buchkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.  

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