Dungen Tio Bitar

Für einen Spätgeborenen müssen sich so die frühen siebziger Jahre anhören. Genau so! Musik aus einer Zeit, die man sich zwar über Platten oder DVDs aneignen, aber so selbst eben nicht mehr erleben kann: Gustav Ejstes hat seine Vorstellung dieser Ära vor rund zwei Jahren in das 21. Jahrhundert übersetzt – auf Schwedisch. Mit seinem dritten Album schaffte Estjes das Klischee, Skandinavien könne nur Garagenrock spielen, mit Leichtigkeit ab: Auf »Ta det lugnt« – zu deutsch »Nimm’s leicht« – wurden zwar Gitarren gespielt, aber es war eben weitaus mehr als nur Gitarrenmusik. Der heute 26-jährige Musiker nahm das Album damals nahezu im Alleingang auf, zurückgezogen im Haus seiner Mutter in der südschwedischen Provinz Småland, weit abseits des musikalischen Geweses in Stockholm oder Göteborg. Estjes ist vom Fach, gelernter Studiotechniker, Multiinstrumentalist, analytischer Musiker. Sein neues Album »Tio Bitar« – »Zehn Stücke« – zeugt von der Entdeckerfreude Estjes, die er mit der Unterstützung seines Co-Produzenten Reine Fiskes zu fassen suchte. Ein Album wie eine Achterbahn, so schnell und zielsicher schießt »Tio Bitar« aus der nicht eben kleinen Schublade des Psychedelic Rock: Verträumte Down-Tempo-Nummern wie »Visar vägen« oder »Ett skäl att trivas« samt Streicher- und Klavier-Arrangements wechseln sich mit dermaßen vertracktem Progressiv-Rock und den damit einhergehenden, harten Tempiwechseln und Brüchen ab, dass von The Who bis The Mars Volta jeder seine Freude daran haben dürfte (»Mon Amour«). An anderer Stelle wird aus Piano-Pop unvermittelt Klezmer, die Hammond-Orgel rutscht ins Arhythmische: »Så blev det bestämt«, so bleibt das bestimmt, nur Intention und Aussage decken sich nicht. Solche und ähnliche Momente findet man überall auf »Tio Bitar«, diesem eigenwilligen Album, das nicht nur wegen des schwedischen Gesangs als herausragend zu bezeichnen ist.

LABEL: Subliminal Sounds

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 08.06.2007

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