Dumb – „Vivienne Westwood wäre angenehm überrascht“ / Feature & Albumvorabstream

Foto: Ivana Besenovsky

Wer sagt, Rock sei tot, war noch nie in Vancouver. Dumb reiten auf einer Welle von Gitarrenbands, die aus dem pazifischen Nordwesten in die Welt schwappt. SPEX sprach mit Sänger Franco Rossino über Style-Punks in der teuersten Stadt des Planeten, Text-Ghostwriting und kein Geld am Ende des Monats. Das Album Seeing Green gibt’s außerdem im Stream vor der offiziellen Veröffentlichung.

Vor der Nordamerika-Tour wird Franco Rossino seinen Job kündigen, hinschmeißen. Der Gitarrist und Sänger von Dumb aus Vancouver arbeitet als Datenbankarchitekt bei einer Firma für Sportanalysen. Er berechnet, wie viel Geld die unterschiedlichen Sektionen in Sportstadien kosten müssen, wie viele Leute nach der abgeschlossenen Saison als Dauerkarteninhaber zurückkehren werden, solche Dinge – die Kohle muss ja irgendwoher kommen. Miete zahlt er aber zum Glück keine, mit Ende zwanzig lebt bei seinen Eltern – kein bezahlbarer Wohnraum weit und breit in der Stadt.

Schon ist man mittendrin in den Themen, die Rossino, Shelby Vredik, Pipé Morelli und Nick Short auf Seeing Green umtreiben: Geld, Wachstum, Wirtschaft, die Konditionierung im kapitalistischen System und die Widersprüche, die das alles mit sich bringt. Klingt jetzt nach Standardsystemkritik, ist im Grundsound aber alles andere als langweilig. Vertont haben Dumb das irgendwo zwischen Devo, Wire, Uranium Club und den Parquet Courts. Seit vier Jahren machen Dumb zusammen Musik, einige der Texte schreibt ein ominöser Quincy, der keinen Bock auf Band hat. „Er ist gerade irgendwo in Europa, in London, vermutlich“, sagt Rossino und lacht. „Ich weiß gar nicht, ob ich das erzählen darf.“

Dumb hält es bisher noch in Vancouver, wo sie zuerst „an der Peripherie der Szene“ angesiedelt waren, wie Rossino sagt. Spätestens mit Seeing Green sind sie mittendrin gelandet. Neben der DIY-Szene gebe es dort keine wirkliche Musikindustrie, so Rossino. „Im Prinzip besteht die aus Mint Records.“ Das Label bringt seit den frühen Neunzigern Musik aus Vancouver heraus. Seit einer Weile managt Ryan Dyck den Laden. Meistens, wenn Mint neue Musik veröffentlichen, kann man in Dycks Newsletter lesen, es sei sein Job, Musik herauszubringen, die ihm gefalle. Mit seinem eigenen Label Hockey Dad Records brachte er bisher die Courtneys heraus, Freak Heat Waves und digitale Neuauflagen verschwundener Weirdo-Bands wie The Bloggers. Mittlerweile versammelt Mint gitarrengetriebene Bands, die einen wichtigen Beitrag zum Sound des Vancouver anno 2018 beitragen.

In den Achtzigern gehörten D.O.A. oder die Pointed Sticks zur Punk- und Hardcore-Szene der Stadt. All die wichtigeren Indie-Gitarrenbands der letzten Jahre wie Woolworm oder Weed, auf die Rossino verweist, „stammen eigentlich alle aus diesem bis heute starken Bereich. Außerdem gibt es hier immer noch viele Style-Punks, die sich Gel in die Haare schmieren und so“, erzählt er. „Die Leute hier mögen die Sex Pistols und das wird auch nicht aussterben. Vivienne Westwood wäre angenehm überrascht, wenn sie mal herkäme. Ansonsten gibt es viele ganz normale Menschen des 21. Jahrhunderts.“

Das wirkt unaufgeregt und dafür, dass Vancouver momentan ungefähr die teuerste Stadt des Planeten ist, klingt es auch gar nicht allzu pessimistisch. Dumb haben sich hier ein spielerisches Rockalbum gebastelt und schauen nicht allzu verkniffen auf die Welt. No-Future-Nihilismus sucht man vergebens, denn es werden auch „big boy choices“ getroffen, wie es im Song „Cowboy“ heißt. Die Kohle muss ja irgendwoher kommen.

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