Driver & Driver / Jeans Team

Driver And Driver Tonträger Spex 330»Kampf im Kulturkaufhaus« – so lautet die mehrstimmig gejohlte Parole zum bratzigen Techno-Beat von Driver & Driver, unterfüttert mit stilechten Hallenrave-Synthies der Neunziger. Es handelt sich um ein weiteres Kapitel Elektropunk, das – eingebettet in das Driver-&-Driver-Debütalbum »We Are the World« – von den Seltsamkeiten der kulturwirtschaftlichen Verwertungskette erzählt.

    Was neu ist: Patric Catani und Chris Imler, die sich zum Duo zusammengetan haben, erheben hier explizit den vorläufigen Endpunkt dieser Kette zum Thema, das Kulturkaufhaus (KKH). Nicht erst seit sich die Mediengruppe Telekommander ebenso parolenhaft wie Driver & Driver über Andreas-Baader-Merchandising ausgelassen hat, stellt sich die Frage, wer hier wessen Werbeagentur des augenzwinkernden Protests ist. Fest steht: Musik wie diese kann vieles sein, beispielsweise ein T-Shirt, und auch vielerorts gespielt werden, selbst im KKH.

    Denn im KKH ist alles zu haben und was nicht zu haben ist, wird bestellt: eine ungeheure Warenansammlung kultureller Codes und Traditionen, vom Koran für Kinder über Sarrazins Feuchtgebiete – die es allerdings auch bei Edeka gibt – bis hin zu Bushidos Memoiren, ist hier für Geld zu haben. Dieses gleichgültige Nebeneinander der Differenzen rief schon früh die Kritik auf den Plan. »Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann, die Unterschiede werden eingeschliffen und propagiert«, schrieb nicht etwa die Spex, als sie sich Anfang/Mitte der Neunziger enttäuscht und etwas voreilig vom Konzept Gegenkultur abwandte, sondern bereits das Duo Adorno/Horkheimer in seiner »Dialektik der Aufklärung« über Kulturindustrie vor über 70 Jahren. Pluralismus unter Totalitarismusverdacht: eine Sackgasse, die Driver & Driver bebildern.

Jeans Team Cocktailständer Totes Kino Tonträger Spex 330    Heute nennt sich die Kulturindustrie ›Creative Industries‹ und verzeichnet hierzulande Umsätze, die über denen der staatlich jüngst gestützten Autobranche liegen (siehe Interview mit Mark Chung in Spex #322). Demnächst gibt es gegen Wirtschaftskrisen also vielleicht eine Abwrackprämie für alte CDs und Bücher. Die Kulturbranche erwirtschaftet etwa drei Prozent des Bruttosozialprodukts, in England bereits acht Prozent. Beides klingt angesichts der globalen, jeden Lebensbereich durchdringenden Matrix, mit der analoge und digitale Kulturmedien die Menschheit umspannt haben, eher untertrieben. KKH ist heute überall. Zugleich impliziert das KKH neben Formatnormen, die mit CD, DVD oder Buch einhergehen, ein Modell, das eine möglichst lückenlose Verwertungskette vom Produzenten zum Konsumenten gewährleisten soll. Zugrunde liegt ein traditionelles Copyright-Verständnis. Anders als in einer zunehmend von Sampling und Copy-and-Paste beeinflussten Kultur, setzt man im KKH auf Kameras und Detektive.

    Prekär wird dieses Modell nicht nur durch den Download-Selbstbedienungsladen Internet mit seinen digitalen Kaufhauskonkurrenten, sondern auch durch die zunehmende Verschmelzung von Kulturproduktion und Kulturkonsum im sozialen Netzwerk, unter Ausschaltung der Verwertung, wie sie im KKH stattfindet. Möglicherweise ist das KKH also ein Auslaufmodell. »Die Zeiten sind vorbei«, texten Jeans Team in ihrer neuen Single »Totes Kino« (erschienen auf ihrem eigenen Label Alkomerz) über eine so roboterhafteingängige wie schlichte Elektropopmusik im Viervierteltakt, sie meinen allerdings – wie bereits der Titel sagt – das Kino. So hat sich rund 80 Jahre nach Erfindung des Fernsehgerätes auch in der Berliner Musikszene herumgesprochen, dass das Kino unter Konkurrenzdruck steht. Das lässt hoffen. Für 2050 soll bereits ein Song über den Tod der Vinylschallplatte geplant sein.

 

ALBUM: »We Are the World« / »Totes Kino / Cocktailständer« 12"
LABEL: Staatsakt / Alkomerz | VERTRIEB: RTD / Eigen | : 21.01.2011 / 15.11.2010

Beide Songs finden sich auf der Spex-CD #94 der aktuellen Ausgabe Spex #330.

Driver & Driver Live:
Jeans Team Live:
10.03. Hamburg – Knust 03.02. Frankfurt – Sinkkasten Arts Club

26.03. München – Feierwerk 04.02. München – Stadtmuseum (Puerto Giesing)
30.03. Nürnberg – Club Stereo 
05.02. Augsburg – Brecht Festival Provokationsraum
01.04. Berlin – Levee Club (ehemals: Bang Bang Club) 
26.02. CH-Zürich – Stall 6

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