Blutig-schönes Autoradio

drive
STILL: Drive – Universum 2012.

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»Ein Mann und sein Auto – wie man sie auf der Leinwand noch nie gesehen hat«, schreiben Ralf Krämer und Alexis Waltz in Spex #336 über den neuen Film von Regisseur Nicolas Winding Refn, dank Pusher als Spezialist für kriminelle Elemente bekannt. Seit vorletzter Woche läuft Drive nun auch in den deutschen Kinos. Mit prominenten Gesichtern wie Ryan Gosling (The Believer, Half Nelson), Christina Hendricks (Mad Men) und (Verzeihung!) Charakterkopf Ron Perlman (Der Name der Rose, Hellboy) erzählt der Däne in seiner persönlichen Glanzleistung die Geschichte des wortkargen Drivers, der erst nur Dienstleister des Verbrechens ist, später dieses als kaltblütiger Rächer auseinandernimmt – in beiden Varianten spektakulär gutaussehend und ikonographisch (s. Fan-Art unten).

   Und vor allem auch musikalisch passend begleitet. Eine im Artikel beschriebene Szene als Beispiel: »Es ist ein düsterer, vertrackter Tanz aus Raserei und Stillstand, der sich auf den Straßen von L.A. abspielt. Schleichende Unterquerung einer Autobahnbrücke. Warten. Gas geben. Dieser Mann ist auf der Flucht und benimmt sich trotzdem wie ein Jäger.« Dazu läuft das zeitbombenartig tickende Instrumental Tick Of The Clock der Band Chromatics vom US-amerikanischen Label Italians Do It Better!, das auf dem Soundtrack auch mit dem Trio Desire vertreten ist und hier endlich die cineastische Anerkennung bekommt, die es seit langem verdient.

   Schon das 2007 erschienene Album Night Drive, das erstmals den internationalen Fokus auf das Label aus New Jersey richten ließ, kam als »Original Motion Picture Soundtrack« eines fiktiven gleichnamigen Films daher – das Einlageblatt der Vinylausgabe präsentierte sich als Filmposter. Die späteren Punkwurzeln entwachsene, zwischen Melancholie und Eskapismus changierende Neo-Disco-Ästhetik, die Labelmitbetreiber Johnny Jewel eigenhändig am Synthesizer allen drei Aushängeschildern – Chromatics, Desire und Glass Candy – einverleibte, war stets wie für die Leinwand gemacht. 2009 war Glass Candys Digital Versicolor in Bronson zu hören, ebenfalls unter der Ägide Refns, der nun auch die Desire-Ballade Under Your Spell inhaltlich meisterhaft in Drive einwebt – auch wenn es zweifelhaft bleibt, ob ein solches Lied auf voller Lautstärke bei der Welcome Home-Feier eines Exhäftlings gespielt werden würde, wie es sich wiederum im realen Leben zuletzt etwa bei Christian Diors SS12-Schau ereignete.

  Während sich Jewel bereits mit Symmetry an einem neuen, fiktiven Soundtrack versuchte und Desire ihr mit Alberto Rossini während eines Hurricane gedrehtes Video zu Don't Call (s. unten) veröffentlichten, vervollständigen den Drive-OST das artverwandte A Real Hero von David Grelliers College, das bereits bekannte Oh My Love vom italienischen Altmeister Riz Ortolani sowie Nightcall von Record Makers' Kavinsky – letzterer ist ohnehin quasi der Zombiebruder des Drivers. Cliff Martinez (Solaris) komponierte schließlich treffsicher die restliche Untermalung, sodass Krämer und Waltz bescheinigen: »Hier verschwimmt die Grenze zwischen Musik und Sounddesign, bringt die Musik die Geschichte zum Erstarren. Gleichsam bekommt der Driver etwas Unwirkliches, wird zum Gespenst, und es breitet sich das Gefühl aus, alles was wir sehen, sei bereits passiert, ein Echo seiner selbst.«

  Spex verlost 3×1 Drive-Soundtrack.

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VIDEO: Tribute to drive – Regie: Tom Haugomat & Bruno Mangyoku

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