Drangsal – Vergib den geschwärzten Seelen!

Fotos: Fabian Schubert

Steve Albini hat recht, Ian Curtis ist ein drogensüchtiger Wichser, Hubert Kah bringt dich zum Heulen. So lauten die Heiligenlegenden des Max Gruber. Der junge Mann aus der Pfalz ist selbst ein musikverrückter Drinni, der mit seinem Debütalbum Klänge aus den Achtzigerjahren mindestens doppelt so gut ins Heute holen will wie alle anderen. Für den Dreh seines ersten Drangsal-Videos verabredete Gruber sich mit Dschungelcamp-Prominenz zum Engtanz in der Kirche. SPEX war dabei. Heute Abend spielt Drangsal live im Berliner Lido.

Gott macht Pause. Der Veranstaltungskalender des Berliner Magazins Kultur in Kirchen passt im Januar auf vier schmale Seiten. Hinter Reinickendorf liegt Wittenau, hinter Wittenau liegt Waidmannslust, und hinter Waidmannslust liegt Hermsdorf. Knirschschnee segelt durch die Klirrkälte, auf den Salon Hauptstadtfriseur, auf die alte Dorfkirche, die blau hinter den Dächern der Wohnhäuser schimmert. In dem Gotteshaus gibt Max Gruber ausnahmsweise nicht den Düster-Popper, sondern den Pfarrer. Rot leuchtet der Altar, das Licht löscht Grubers ideale Proportionen von Kinn und Wangenknochen nahezu aus. Seine dünnen Arme heben sich zu langen Schatten, die vielen Tattoos von der Robe verdeckt. Seine Botschaft: Hier steht der neue Zuchtmeister deutscher Popmusik.

Wir schreiben Tag eins von zwei beim ersten professionellen Videodreh von Grubers Band Drangsal. Die Single »Allan Align« kündet von Drangsals Debütalbum Harieschaim und dem Kommando Lebenssaft: »Your time is running away / You got to get going now / Life, it will not wait.« Pluckerbass, etwas Hall, Schlagzeug konstant auf 175 BPM, Synthieklingklang, Johnny-Marr-Gedächtnissolo – das Lied schleudert mit süßer Wucht aus der Nostalgierille. Hier will jemand hoch hinaus.

»Wenn auf einer Party jemand fragt: ›Wer will mein Glas voll Pisse trinken?‹, schreie ich als erster.«

»Man muss weit rausfahren, um diese explizite Berlin-Ästhetik loszuwerden«, meint Videoregisseur Maximilian Wiedenhofer am Eingang der kleinen Kirche. Dass es sein Hauptdarsteller überhaupt so weit raus geschafft hat, grenzt an ein kleines Wunder. Als Gruber vor drei Jahren seinen ersten Anlauf mit der Metropole wagte, war er kurz angebunden. »Aus einem mir heute unerfindlichen Grund bin ich damals nie U-Bahn gefahren«, erzählt er. »Ich war überfordert von der Größe dieser Stadt.« Der junge Musiker stammt aus Herxheim in der Pfalz. Aus seinem Freundeskreis war er der erste, den es nach Berlin verschlug. Mittlerweile fährt der 22-Jährige Bahn und, von seinem Label bezahlt, Taxi. Zu einer anderen Form von Nahverkehr bleibt er allerdings weiterhin auf Distanz. »Am Anfang fand ich es interessant, das anzuschauen, aber dieses ausgelassene, pseudo-Caligula-mäßige Berlin-Ding hat mich abgeturnt«, sagt er über die typischen Ausschweifungen und die Unzucht der Stadt, wenn man das so nennen will. »Ich habe eine militante Abneigung gegen Drogen. Und tanzen mag ich auch nicht. Da war ich natürlich sofort raus.«

Da passt die Predigt, die Regisseur Wiedenhofer für Gruber ausgesucht hat, perfekt: »Vergib den geschwärzten Seelen! Hilf ihnen, dich zu erkennen! Hole sie heraus aus der Finsternis!« Es handelt sich um einen Auszug einer Privatoffenbarung, eine Botschaft Jesu persönlich, die eine gewisse Maria Divine Mercy 2012 empfangen haben will. Eine online auffindbare theologische Einschätzung dazu lautet: »… in keiner Weise akzeptabel für einen glaubenstreuen Katholiken«.

Max Gruber war das Sakrileg schon immer heilig. Während in Herxheim Überreste eines steinzeitlichen Kannibalenkults ausgegraben wurden, verfiel er als Vierjähriger Antichrist Marilyn Manson – wenn auch mit leichten Missverständnissen: Für den kleinen Max war Manson »immer die Marilyn. Warum sollte sich ein Mann schminken?« Fortan hing er vor der Glotze. »Zweisprachig aufgewachsen« nennt er diese Phase. Deutsch vermitteln die Eltern, Englisch das Spätprogramm von MTV. Die Grubers zeigten sich sichtlich irritiert, als ihr Kind plötzlich bilingual daherredete. Aber tolerant waren sie. Neben Manson gab es unter anderem ein Album von The Prodigy als eine der ersten CDs.

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Während Mini-Max also an seinem Englisch feilte, war die jetzige Partnerin in seinem Musikvideo Stammgast in den Illustrierten und Klatschspalten. Jenny Elvers spielt für »Allan Align« eine erschöpfte Frau, die bei Pfarrer Drangsal ihren Frieden sucht. Ja, die Elvers – ausgebildete Schauspielerin, einstige Heiner-Lauterbach-Freundin, sogenanntes »Luder«, Promi-Big-Brother-Gewinnerin, geheilte Alkoholkranke. Über drei Jahre ist es her, dass sie betrunken in einer Sendung des NDR zu Gast war. Wenige Tage nach dem Dreh reist Elvers nach Australien ins Dschungelcamp. Ein Kamerateam des ZDF beobachtet sie von der Orgelempore aus dabei, wie sie sich von Gruber beruhigen lässt und eine Hostie empfängt. Dazu hat jemand konzentrierte Drone-Musik aufgelegt. Am Ende küsst sich das ungleiche Paar und verfällt in einen sachten Tanz.

»Das gehört sich eigentlich nicht«, urteilt Gruber über die Kombination. Er denkt an den Künstler Jeff Koons und seine Ehe mit der Pornodarstellerin Ilona Staller (die nebenbei auch Umweltaktivistin und Politikerin war), nur eben in Ulrich-Seidl-Optik. »Ich wollte auf jeden Fall jemanden, den man nicht in einem Musikvideo erwarten würde.« Dass man über Elvers auch automatisch etwas Boulevardberichterstattung für Drangsal einstreicht, ist vom Management bis hin zur Produktion allen bewusst. Am Set ist Elvers, die einst für Christoph Schlingensief die Lady Di an der Berliner Volksbühne gegeben hatte, der Ruhepol. Gruber fragt sich derweil, »wie man das mit dem Kuss macht. Also so, wie sonst auch?« Wie heißt es doch in »Alan Align«? »Life, it will not wait.«

Zwei Tage nach dem Videodreh. Schneematsch lässt die Sohlen das Kopfsteinpflaster lutschen. Max Gruber sitzt im Kreuzberger Büro seines Labels und redet über sich und die Welt. »Wenn auf einer Party jemand fragt: ›Wer will mein Glas voll Pisse trinken?‹, dann schreie ich als erster.« Generell sei er aber sehr hygienebewusst und überhaupt eher ein »Drinni«, ein Stubenhocker. Ein musikverrückter obendrein. Wenn er im Gespräch Hans-A-Plast, Ina Deter oder Steinwolke zitiert, interpretiert er die Zeilen derart gefühlvoll, als würde er gerade bei einer Castingshow vorsingen. Seine Urteile fallen wahlweise scharf oder enthusiastisch aus. Boyd Rice? »Wenn man so etwas nicht hören durfte, fand ich es erst recht interessant – obwohl die Musik natürlich scheiße war.« Def Leppard? »›Pour Some Sugar On Me‹ – so muss ein Schlagzeug klingen!« Berghain? »Ich geh da nur hin, wenn ich muss, wenn etwa Marshstepper für eine Viertelstunde auftreten. Die Stunden davor versuche ich einfach nur, nicht auf der Couch in der Ecke einzuschlafen.« Klaus Lage? »Ich bin ein riesiger Fan!« Joy Division? »Ian Curtis war ein Wichser, ein Drogenabhängiger, der seine Frau schlug.« Prefab Sprout? »Nach dem letzten Album wollte ich nicht mehr Musiker sein, großartig!« Lust For Youth und Iceage? »Die sehen halt fürchterlich gut aus, sind aber völlig unterambitioniert. Die machen diesen Achtziger-Sound nicht mal halb so gut wie ich.«

Hier steht der neue Zuchtmeister deutscher Popmusik.

Gruber wirkt schnell altklug und zynisch. Seine Jugend ist seine Angst, ist sein Hass, ist seine Leidenschaft. »Ich hab’ den Kopf voll mit Pflastersteinen / Weil du nie kapierst, was ich meine«, heißt es im Lied »Will ich nur dich«; »I was born a shallow mold / I am young and I am old«, wiederum in »Wolpertinger«. »In meiner ersten Einzimmerwohnung habe ich mir damals meine eigene Ideologie zurechtgelegt«, erinnert sich Gruber. »Steve Albini hat recht. Henry Rollins hat recht. Alle anderen nicht.« Damals entstand auch Drangsal. Noch heute sagt er, seine »liebste Form von Intimität ist die voyeuristische. Ich mag es nicht, rauszugehen und Leute kennenzulernen. Lieber bleibe ich zu Hause und erfahre alles über eine Person online, ohne dass sie es bemerkt.«

Beim Videodreh unterhält Elvers-Elbertzhagen in den Pausen die versammelte Mannschaft, während Gruber allein vor dem Altar steht. Im Kostüm tippt er gebannt Nachrichten in sein Smartphone. Fast könnte man es erstaunlich nennen, dass so einer dann doch derart viele Freunde hat. Die drei Kollegen von der Melancho-Elektro-Pop-Band Sizarr kennt Gruber noch aus gemeinsamen Jugendtagen in der Pfalz. Auch der Schnulzensänger Dagobert zählt seit Jahren zu seinem engsten Kreis, kennengelernt hat man sich einst über Markus Ganter. Der Produzent saß nach seiner Arbeit an Alben von Tocotronic, Casper und eben Sizarr und Dagobert nun auch mit Drangsal im Studio.

»Markus ist der einzige, mit dem ich arbeiten kann«, bekennt Gruber. »Auch wenn wir uns oft gestritten haben: Nur er weiß, was ich will, und kommt mit meiner Arbeitsweise klar. Er sieht und füllt die Leerstellen.« Dass Harieschaim überhaupt fertig geworden ist, hat der Ungestüme nicht nur Ganters Hartnäckigkeit zu verdanken, sondern auch einer spontanen Flucht aus Berlin nach Leipzig, wo er sich mit Fabian Altstötter von Sizarr eine Wohnung teilte. »Fabi hat in der Zeit sehr konzentriert am zweiten Sizarr-Album gearbeitet. Wenn ich morgens die Augen aufmachte, hörte ich ihn im Nachbarzimmer bereits singen. Das hat mich sehr motiviert.« Zugleich klopfen in Leipzig Grubers Depressionen an, eine Beziehung zerbricht, das Leben hält ein Jahr lang an. Das alles höre man heute in den Songs nach, sagt Gruber. Wie auch die Neue-Deutsche-Welle-Platten, die er sich in dieser Zeit kaufte. »Das waren die billigsten. Die erste Hubert Kah etwa. Bei der zweiten Strophe von ›Radio‹ musste ich fast weinen. ›Und heute bin ich so allein, Außenwelt ist tot / Langeweile hat mir den Verstand geraubt.‹«

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Harieschaim sendet ähnliche Botschaften aus. Das Album wirft den Einzelnen gegen Liebe und Gesellschaft, hinein in die Musik und mal in die Unterwerfung, mal in die Ablehnung. Schwarzleder-Pop in der Geschmacksrichtung Rotze mit Lakritz. Der Song »Hinterkaifeck« etwa, benannt nach einem Gut, auf dem Ahnen Grubers 1922 heimtückisch ermordet wurden, handelt von »the city’s showstoppers«, wie der Verfasser sagt: »Junge Leute, die halbwegs akzeptabel aussehen und, außer zu feiern, nichts tun, und dafür in den sozialen Netzwerken auf Podeste gehoben werden.«

Dem gegenüber stehen Titel wie »Do The Dominance« und »Love Me Or Leave Me«. Gruber ist jemand, der zwischen Dominieren und Dominiert-Werden hin und her changiert, ein geborener Switch, wie man diesen Menschenschlag nicht nur in Berliner BDSM-Kellern nennt. Bestenfalls ein Teilzeitzuchtmeister also. Aber singen kann er. Mit vollster Verve schabt er sich an der beinahe angestrengt perfekten Produktion wund, die er mit Markus Ganter selbst aufgezogen hat. Nicht ohne guten Grund, wie er sagt: »Es gibt diese höhere Macht. Entweder man hat es – wie Steve Albini, wie Paddy McAloon – oder man hat es nicht – so wie Morrissey, so wie Henry Rollins, so wie ich. Dann muss man eben doppelt so laut schreien.« Aber bitte schön nüchtern, mit klarem Kopf. »Zu meinen Freunden sage ich immer: Nimm keine Drogen! Sieh zu, dass du nicht den Faden verlierst!« Gruber hält den Faden vorerst straff gespannt selbst in der Hand.

Diese Reportage ist in der aktuellen SPEX N° 367 erschienen. Das Heft gibt’s noch am Kiosk oder versandkostenfrei im Onlineshop.

Drangsal live
05.04. Berlin – Lido

 

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