Drake „Scorpion“ / Review

Am künstlerischen Quantensprung eines Doppelalbums haben sich schon viele Rapper probiert: 2Pac mit All Eyez On Me, Biggie mit Life After Death, Wu-Tang Clan mit Wu-Tang Forever oder Outkast und ihr ikonisches Speakerboxxx / The Love Below. All diesen Releases war gemein, dass sie die Qualitäten ihrer Protagonisten zusammenfassten und wegen der verdoppelten Spielzeit einen gigantischen Entfaltungsraum boten. Auf dem Weg zum Hip-Hop-Klassiker (Stichwort: musikalische Erwachsenwerdung) legt nun Drake sein Doppelalbum Scorpion vor.

Im Zeitalter der Streaming-Portale als eine der Haupteinnahmequellen von Musikern bekommt das Doppelalbum eine neue Bedeutung: Viel hilft (lies: verdient) viel. Auch Drakes Scorpion muss sich mit seinen 25 Songs und knapp anderthalb Stunden Gesamtlaufzeit diese Unterstellung gefallen lassen, wenngleich das VÖ-Vorfeld reichlich Klärungsbedarf für Drake bereithielt – beef mit Puffy, beef mit Meek Mill, beef mit Kanye, beef mit Pusha T und angeblich verheimlichter Nachwuchs. Doch schon während des ersten Fünftels seiner in A- und B-Seite aufgeteilten Tracklist lässt Drake den Elefanten raus, der schon seit Wochen durch die Klatschpresse trampelte: Hat er wirklich einen Sohn mit einer Pornodarstellerin, wie Pusha T auf dem smart getimten Disstrack „The Story Of Adidon“ Ende Mai behauptete? Ja, hat er.

Aubrey Drake Graham war und ist ein Prognostiker, ein Kontrollfreak, der Schwäche als Stärke auslegen will, und so versucht er auf „Emotionless“ mit der Zeile „I wasn’t hidin‘ my kid from the world / I was hidin‘ the world from my kid“ seinen Kopf durch knuffige Social-Media-Kritik aus der Schlinge zu ziehen. Das funktioniert sogar. Allerdings nur, weil sein Kind und die anderen Querelen dieser Schlagabtausch-Seifenoper nur beiläufig erwähnt werden und Drake sich in Gentleman-Contenance übt („A wise man once said say nothing at all.“). Ähnlich wie Kanye (auf dessen kurzweiliges Ye Scorpion als Gegenthese gedeutet werden kann) konnte Drake mit seinem musikalischen Output Kritikerstimmen bisher immer in die Bedeutungslosigkeit spielen. Doch gelingt das auch für Scorpion? Ja, mit Abstrichen.

„The crown is broken in pieces“ fasst Drake auf dem Intro „Survival“ seinen derzeitigen Ruf zusammen. Auch deswegen erschien mit dem Album eine „Editor’s Note“ mit Hater-Vorlagen wie „Drake is a pop artist“ oder „Drake doesn’t even write his own songs“ – die klassische Flucht nach vorne. Und ein Indiz dafür, dass Drake hier etwas beweisen will: „My comment section killing me“, heißt es an einer Stelle.

Um eine Rap- und R&B-Seite herum arrangiert, konzentriert Drake sich entsprechend auf die eigene Spezialität: Seine Dualität zwischen Heulsuse und Hip-Hop-Held. Das zerfahrene Playlist-Konzept von More Life wird hier ausgeklammert, karibische Einflüsse wie bei „One Dance“ sind nur in Fußnoten erkennbar. Stattdessen sampelt er sich auf Trap-Anleihen durch Neunziger-Größen von Aaliyah, Boyz II Men, Lauryn Hill oder Mariah Carey. So weit, so Drake. Auch seine Themen balanciert er weiterhin zwischen der Luxus-Weltsicht eines Multimillionärs, Angebersprüchen und seinen pubertären Jungsproblemen mit Frauen. „My money is young, my problems are old“, schnoddert er auf „Talk Up“ mit Jay-Z.

Drakes Spezialität: Die Dualität zwischen Heulsuse und Hip-Hop-Held

Der stets gelenke Pop-Appeal Drakes tritt gerade in der ersten Hälfte zu Gunsten seines Rap-Charismas in den Hintergrund. Drake spittet wieder, jongliert Punchlines und Triolen-Flows, verzichtet dabei aber größtenteils auf den im US-Rap ansonsten vorherrschenden Autotune. Protzige Memphis-Rap-Hommagen wie „Nonstop“ oder „Mob Ties“ und klassizistische Soul-Sample-Operetten wie „8 Out Of 10“ oder „Sandra’s Rose“ erschaffen so ein Monument für sämtliche Hip-Hop-Altersklassen. Unter der Federführung von Noah „40” Shebib und Boi-1-Da referenziert Drake fast im Alleingang über ein Beat-Patchwork von Hip-Hop-Ikonen wie DJ Premier, No I.D. oder DJ Paul und Jungspunden wie Tay Keith, Murda Beatz und Nineteen85. Fast jeder Song der Platte kann einer Schaffensphase von Take Care bis Views zugeschrieben werden.

Auf Seite A ist Scorpion das beste Drake-Album seit Nothing Was The Same. Dass die R&B-Seite dagegen in allerhand routiniertem Synthieflächen-Portato zerfließt? Ignorierbar, auch weil ein „Hold On, We’re Coming Home“-Moment ausbleibt. Außer dem leicht peinlichen Klavier-Gedudel „Ratchet Happy Birthday“ fällt vor allem der majestätische Move auf, dass Drake tatsächlich eine unveröffentlichte Gesangsspur von Michael Jackson auf „Don’t Matter To Me“ platziert hat und Jackos kindlichem Falsett hier zu jener Strahlkraft verhilft, die der King Of Pop in seinem eigenen Spätwerk nicht mehr stemmen konnte. Ansonsten herrscht der typisch schmalzig Besserverdiener-R&B mit first world problems vor. Beinahe unbemerkt enden diese intensiven 90 Minuten mit dem eindrucksvollen Bekennerschreiben „March 14“, adressiert an seinen Sohn, mit der einprägsamen Abschlusszeile „Changing from a boy to a man“. Endlich erwachsen!

 

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