Dornröschen als Che Guevara – Doctorella live

Lass uns Spiegelwesen sein! Sandra und Kerstin Grether (Foto: Sandra Grether)

Mehr Stoff für Meinungsbildung und Heldinnenverehrung: Kristof Schreuf war beim Release-Konzert von Doctorellas neuem Album Ich will alles von dir wissen im Berliner Monarch. Ein Abend mit Wortwechseln, Wimperntusche und großem Kino.

„Die meisten Menschen gehen heute davon aus, dass diese oder jene Partei ihre Interessen vertritt. Irgendeine Gewerkschaft wird sich für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und Lohnerhöhungen stark machen. Nur für Bohemiens setzt sich keiner ein, weder eine Partei noch eine Gewerkschaft. Bohemiens bleibt daher gar nichts anderes übrig, als für sich selbst ein gutes Wort einzulegen. Sie müssen sich selbst loben und sich selbst Komplimente machen“, sagte Kerstin Grether lächelnd. „Im Auftrag der Kunst“, ergänzte Sandra Grether lachend.

So unterhielten die bekannten Journalistinnen, Schriftstellerinnen und Musikerinnen sich und ihr Publikum im Berlin-Kreuzberger Monarch. Dort feierte ihre Band Doctorella am vergangenen Freitag Abend die Releaseparty zum sehr gelungenen, zweiten, poppig rockenden Album Ich will alles von dir wissen (das SPEX hier vorab streamt).

Die Zwillinge trugen jede ein Kleid, Halsketten und Ringe an den Fingern, welche sehr schön mit den Gladiolen und den Erdbeeren auf dem Plattencover korrespondierten. Von den Unterschieden zwischen ihnen erzählten unter anderem ihre Haarfarben. Die hellere Kerstin Grether wirkte wie eine Sängerin aus einer nordenglischen Hafenstadt. Die dunklere Sandra Grether ähnelte einer bildenden Künstlerin aus Acapulco.

„Liebe ist ein Lied mit viel zu vielen Strophen.“

Mit ihrer Band bewiesen sie während jedes Liedes ihren Sinn für Dramatik. Um nur eine beispielhafte Szene wiederzugeben: Kerstin Grether legte vor ihrem Mikrofon den Kopf ein wenig nach hinten, schloss die Augen und reckte den rechten Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger steil nach oben. Nach ein paar Sekunden streckte sie den Kopf wieder nach vorn, schloss die Finger zu einer Faust und öffnete im selben Moment ihre Augen wieder. Es sah aus, als wäre Dornröschen als Che Guevara aufgewacht.

Gleichzeitig schüttelte der Gitarrist Sascha Rohrberg seine langen Haare in sein Gesicht mit Rinaldo-Rinaldini-Bart. Damit erinnerte er sowohl an den Räuberhauptmann als auch an einen bekannten Religionsstifter, der allerdings sein Kreuz gegen eine elektrische Gitarre getauscht hatte. Hübsch gefährlich taxierte er die ersten Publikumsreihen, während er Licks und Riffs von Carlos Santana, Hank Marvin von The Shadows oder Johnny Ramone einstreute. Zum Armrecken und Haareschütteln sang Sandra Grether die sympathische, zutreffende Zeile: „Liebe ist ein Lied mit viel zu vielen Strophen.“

Bei diesem Konzert passierte eine Menge. Während die Züge der Linie U1 in so wenigen Metern Entfernung vorbeifuhren, dass sich durch die großen Fenster des Monarch erkennen ließ, welche Wimperntusche die weiblichen Fahrgäste aufgetragen hatten, führten Doctorella großes Kino am Kottbusser Tor auf. Nach einem weiteren Stück fand der Wortwechsel auf der Bühne seine Fortsetzung: „Wir dürfen nur bis 22:00 Uhr spielen, es bleiben uns also noch 20 Minuten. Deshalb gibt es ab jetzt keine Ansagen mehr, sondern ununterbrochen Musik“, erklärte Kerstin Grether. „Wie sich das für eine richtige Band gehört“, nahm Sandra Grether fröhlich spöttelnd den Ball auf.

Man würde Docotorella im New York Ende der Siebzigerjahre vermuten oder in San Francisco 1966.

Die Schwestern sind in ihrem Leben Tausenden von Menschen begegnet, die Musik machen, und Hunderten, die darüber schreiben. Manchmal trafen sie auch welche, die Lebenszeit und -energie darauf verwandten „sich gegenseitig an ihrer eigenen Kälte zu wärmen“, wie es Kerstin Grether während der Aftershow-Party, in der nur ein paar Schritte entfernten Fahimi Bar, erklärte. Doch der Umzug nach Berlin hat ihr und ihrer Schwester erlaubt, solche Leute hinter sich zu lassen und zusätzlich ein weiteres Mal ihren Aktionsradius zu erweitern. In der Stadt gründeten sie zusammen die Band Doctorella, sie machten beim Slutwalk mit und demonstrierten gegen das Barbie Dreamhouse. Inzwischen betreiben sie auch ihr eigenes Plattenlabel Bohemian Strawberry.

Kerstin und Sandra Grether sind Zeitgenossinenn, über die zu staunen fast schon eine Untertreibung bedeutet. Denn man würde sie in anderen Städten zu ganz anderen Zeiten vermuten, im New York Ende der Siebzigerjahre oder in San Francisco 1966. Immerhin unterhält die Rhythmusgruppe von Doctorella Verbindungen nach Amerika. Denn das zweite Zwillingspaar bei Doctorella, der Bassist Fabrizio Steinbach und der Schlagzeuger Flavio Steinbach, begleiteten jahrelang Barbara Manning. Ihre gesammelten Erfahrungen stellen sie nun den Grethers zur Verfügung, die vor gutgelaunter, selbstverständlicher Energie vibrieren. Deshalb wundert es auch nicht, dass sie trotz allen Artikel-, Buch- und Songschreibens nicht den Eindruck machen, sich zu verausgaben. Frei nach Elena Ferrante möchte man sie schon deshalb als geniale Kulturfreundinnen beschreiben.

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