Doppelreview: Xaõ Seffcheque „Ja – Nein – Vielleicht / Kommt sehr gut. A Selection Of Electronic Beats 1980–82″ vs. Diverse „Sammlung (Elektronische Kassettenmusik Düsseldorf, 1982–1989)“

Tolle Klöppelmusik im Geiste Throbbing Gristles und dringliche wie drängelnde Songs zwischen antizipatorischer Persiflage auf den NDW-Hype und ernstgemeintem musikalischem Jux.

Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren wieder zum Hotspot für amtlich weirde elektronische Musik entwickelt. Die ruppigen, ruckelnden Sounds aus dem Salon-des-Amateurs-Umfeld reihen sich damit in die Tradition einer Stadt ein, deren Nachlass kürzlich unter dem Schlagwort Electri_City (so der Titel einer oral history von Rüdiger Esch) resteverwertet wurde. Das Hamburger Label Bureau B steht an der Spitze dieser Archivaufarbeitung und kümmert sich rührend um das Werk des 2011 verstorbenen Conrad Schnitzler, während es anderswo weitere Kuriositäten zutage befördert.

Eine davon nennt sich schlicht Sammlung (Elektronische Kassettenmusik Düsseldorf, 1982–1989) und bildet eine Szene ab, die an der Schwelle vom Underground zum NDW-Mainstream lieber links in Richtung Ratinger Hof auf ein paar Helle abgebogen ist. Kompiliert von Ex-Kreidler-Mitglied Stefan Schneider und mit rührigen Linernotes von Oliver Teipel (der mit der anderen oral history namens Verschwende deine Jugend) versehen, deckt sie die meist nur auf Tapes kursierende Industrial- und Sonstwas-Wave-Musik ab, die auf die kosmischen Sounds der Krautrocker folgte. „Vor uns lag eine avantgardistische Zukunft; dann schnitten wir uns die Haare ab“, beschrieb Deutschlands angeblich erster Punk Jäki Eldorado in Electri_City die dahinterstehende Attitüde.

Zu hören ist tolle Klöppelmusik im Geiste Throbbing Gristles, die heute noch im MPC-Sport eines Tolouse Low Trax oder der vertrackten Beatmagie eines Jan Schulte in Düsseldorf nachhallt, sowie plinkernder und krummer Instrumental-Wave oder schwelende Drone- und Ambient-Musik mit Spoken-Word-Schnipseln, wie sie P16.D4 zur selben Zeit in Mainz produzierten. Der avantgardistischen Zukunft wird in über 40 Minuten eine rotzige Gegenwartsanalyse entgegengestellt, die ihrer stilistischen Vielfalt zum Trotz eine beeindruckende innere Kohärenz aufweist. Kaputte, kurzhaarige Musik aus grellen Tagen.

Kaputte, kurzhaarige Musik aus grellen Tagen.

Xaõ Seffcheque hingegen hatte 1981 bereits zwei Alben und eine EP unterm Gürtel und ließ sein Solo-Werk im Folgenden weitestgehend ruhen. Nachdem das Label Kess Kill im letzten Jahr drei Songs im 12“-Format neu aufgelegt hat, erscheint nun eine Werkschau des nach Düsseldorf zugezogenen Österreichers, die seine beiden LPs Sehr gut kommt sehr gut von 1980 und Ja – Nein – Vielleicht aus dem Folgejahr sowie unveröffentlichtes Material unter dem Titel A Selection Of Electronic Beats 1980–82 zusammenfasst. Wave-Understatement trifft auf Punk-Passion, Sequencer-Lärm auf Saxofon-Gedudel. Es sind ebenso dringliche wie drängelnde Songs zwischen antizipatorischer Persiflage auf den NDW-Hype und ernstgemeintem musikalischem Jux. Fun und Stahlbad zugleich. Betont kurzhaarig und noch 35 Jahre danach mindestens ebenso großartig.

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