Doppelreview: Skepta „Vicious“ vs. Dave „Game Over“

Skepta hat es geschafft und profiliert sich nun mehr als Produzent denn als Rapper. One-Hit-Wonder Dave dagegen will weniger einzigartig als universell klingen – von Politikverdrossenheit ist bei beiden nichts zu spüren.

Schwer vorstellbar, aber wahr: Der größte Polit-Moment im UK-Rap-Jahr 2017 geht auf das Konto von GQ. Im September engagierte das Testosteronblatt den Labour-Leader Jeremy Corbyn, um Rap-Überflieger Stormzy das Prädikat „Man Of The Year“ auszustellen. Bei der Verleihung wurden Lobreden auf die differenzierte Erzählung von dessen Debütalbum Gang Signs & Prayer gegen Theresa-May-Sticheleien getauscht – der Höhepunkt einer überraschenden Tuchfühlung zwischen sozialistischer Politik und neoliberalem Rap-Business. Denn Stormzy, das musikalische Sprachrohr der wirtschaftlich Abgehängten im UK, flüchtet sich nicht selten in einen protestantischen Arbeitsethos: Mach es selbst, sonst macht es keiner für dich. Und der Erfolg von Grime-Größen wie Skepta scheint der Selfmade-Methode Recht zu geben.

In diesem Jahr erst beugte der Drake-Buddy dem Brexit mit einer US-Tour vor, nachdem ihm 2016 das Visum verweigert worden war. Die Überseeerfahrungen sammelt Skepta nun auf der Vicious-EP, auf der nicht nur Dada-Rap-Patron Lil B und die Seelenverwandten vom A$AP Mob zu hören sind, sondern auch jede Menge Halloween-Synths, die an den Horrorcore-Sound erinnern, den Three 6 Mafia einst in Memphis aus der Gruft hoben. Überhaupt profiliert sich Skepta mit Vicious mehr als Produzent denn als Rapper, wenn er eine transkontinentale Beat-Brücke zwischen Dirty South und Grime-Riddims schlägt, die durchweg originär ist. Da kommt selbst Dev Hynes auf eine Bassline in den Electric Lady Studios vorbei.

Von Politikverdrossenheit ist im UK-Rap wenig zu spüren.

Am anderen Ende des UK-Rap-Spektrums kämpft sich der Südlondoner Senkrechtstarter Dave aus der One-Hit-Wonder-Kaste, in die ihn sein letztjähriger Song „Wanna Know“ manövrierte (Drake-Remix inklusive). Anders als Vicious will die Game-Over-EP nicht einzigartig, sondern universell klingen und deckt das ganze Spektrum von UK-Hip-Hop ab. Dave rappt über Sägezahn-Grime, Piano-Pathos, Road-Rap-Melancholie und auf einem obligatorischen Afrobeat-Riddim. Dabei verliert er sich etwas zwischen den Stühlen, bleibt aber lyrisch greifbarer als die Stilikone Skepta, deren Coolness auf einer immer gleichbleibenden „We made it“-Erzählung beruht. Dave dagegen stellt Fragen – an sich selbst, an seine Ex und nicht zuletzt ans Parlament. „Question Time“ referiert auf die gleichnamige BBC-Sendung, in der Ministerpräsidentinnen Rede und Antwort stehen, und stellt nicht nur May und Cameron, sondern gar den weißbärtigen Achtundsechziger Corbyn an den Pranger. „Don’t promise me anything“, fordert der 19-Jährige. Perspektivlosigkeit, ja. Von juveniler Politikverdrossenheit aber ist im UK-Rap 2017 wenig zu spüren.

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