Doppelreview: Martyn „Voids“ vs. Pariah „Here From Where We Are“

Bei Martyn und Pariah gehen aus zwei ganz unterschiedlichen Neuanfängen zwei ganz unterschiedliche Alben hervor, die beide zu den spannendsten elektronischer Musik 2018 zählen.

Persönliches Leid generiert ja oftmals einen schöpferischen Ort, einen Ausgangspunkt für künstlerische Produktion. Für Kafka oder Bernhard war es die Poesie, die ihnen aus der inneren Leere half. Für den niederländischen Produzenten Martyn ist es die Musik. Denn das Narrativ hinter seinem neuen Album Voids ist tatsächlich so ergreifend, wie der Titel impliziert. Es geht um das Überleben eines Herzinfarkts und die Leere, die auf eine solche Nahtoderfahrung folgt. Den 43-Jährigen führte dieses entscheidende Erlebnis nicht nur in einen persönlichen, sondern auch in einen musikalischen Neuanfang – aus eigener Kraft, wie man festhalten muss. Es ist als bewusste Entscheidung und nicht als Zufall zu verstehen, dass sich unter den neun Tracks weder Features noch Kooperationen finden. Martyn hat sich ganz auf sich und seinen musikalischen Output fokussiert.

beide kanalisieren eine allumfassende Kraftlosigkeit, kommen dabei aber zu ganz anderen Ergebnissen.

Im Ergebnis ist Voids fast schon ein Paradoxon: Ein vielseitig energetisches Album, das aus völliger Energielosigkeit heraus entstand. Da gibt es zum einen das ravige „Mind Rain“, das so kraftvoll in seiner Post-Dubstep-Manier aus dem Boden hustled und an Martyns Metalheadz-Vergangenheit erinnert. Konträr dazu steht der Piano-Track „Try To Love You“, der die melancholische Tiefe des Albums reflektiert. Dazwischen: Kontemporäre Clubmusik mit polyrhythmischen Strukturen mit reichlich UK Bass und Detroiter Techno-Charme.

Auch Pariah kanalisiert auf seinem ersten Release seit sechs Jahren eine allumfassende Kraftlosigkeit, kommt dabei aber zu einem ganz anderen Ergebnis – obwohl er eigentlich als ein musikalischer Bruder im Geiste Martyns gilt und wie dieser eine Punk- und Hardcore-Vergangenheit vorweisen kann. Mit seinem Debüt auf Houndtooth geht der Brite jedoch auf die Suche nach einem kontemplativen Ruhepol und tauscht seinen scharfkantigen Sound konsequent gegen anschmiegsam geschliffene Partituren. Aus einem „plötzlichen und ziemlich unerwarteten medizinischen Befund“ heraus entstand Anfang 2017 Here From Where We Are. Neben Pariahs musikalischen Wurzeln ist darauf auch vom brutalen Sound von Karenn, einem Projekt mit seinem Techno-Kollegen Blawan, keine Spur mehr. Auf Here From Where We Are stößt er hingegen in neue Sphären abseits des Dancefloors vor. Pariah konzentriert sich auf melodische, ambient-eske Klänge. Ruhe statt Rave. Sphärische Klänge ziehen sich von der A- zur B-Seite und lassen ein kohärentes Soundgerüst entstehen, das eher an Brian Eno und Aphex Twin erinnert als an durchtanzte Nächte unter der Basswalze. Somit gehen aus zwei ganz unterschiedlichen Neuanfängen zwei ganz unterschiedliche Alben hervor, die beide zu den spannendsten elektronischer Musik 2018 zählen.

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