Doppelreview: Kurt Vile „Bottle It In“ vs. Fred Thomas „Aftering“

Cover: Kurt Vile „Bottle It In“

Auf den ersten Blick scheinen die Indiemusiker Kurt Vile und Fred Thomas außer ihrem Alter nichts gemein zu haben. Denn während der eine zum Sound der Siebziger sein Slacker-Image mit Altherrenwitzen verknüpft, gibt sich der andere eher als Intellektueller voller Empathie. Doch zeigen ihre aktuellen Alben: beide scheinen endgültig im ganz eigenen Sound angekommen.    

Dad joke alert: Kurt Vile kennt keine Eile. Das war schon immer so, wird aber je nach Blickwinkel immer schlimmer oder besser. Sein neues Album zum Beispiel heißt Bottle It In und ist noch mal 20 Minuten länger als das letzte, obwohl das schon 60 Minuten dauerte. Vile nutzt die hinzugewonnene Zeit für Dinge, die er seit jeher gerne tut: Schnoddertonfallgeschichten mit Extrakapiteln und wischmobartige Gitarrensoli, die ganz genau so klingen, wie Viles ungebrochen spektakuläre Haarpracht auf dem Albumcover schon wieder aussieht. Was ist neu? Gar nichts ist neu. Ist das jetzt doof? Nein, ist es nicht. Wie Vile zum Beispiel den Text des zehnminütigen „Skinny Mini“ (inklusive eines verbockten Einsatzes) aus unironisch-ironischen Bauarbeiterkomplimenten zusammensetzt, schön sorgsam und geduldig, nur um den ganzen Song am Ende mit einer Sonic-Youth-Gitarrenattacke einzureißen – das ist die ganz hohe Kunst des Draufgeschissen.

Cover: Fred Thomas „Aftering“

Vile wohnt mit Sack und Pack in Philadelphia und damit gerade mal einen Halbtagesroadtip von Fred Thomas entfernt. Auf die großen Indielabels oder wenigstens zu einem eigenen Wikipediaeintrag hat es der Songwriter mit Wahlheimat in Montreal nie gebracht, dafür aber zum Heldenstatus unter jenen Indie-Rock-Bescheidwissern, die ihre Songs gern niedlich zerbeult und wortreich gestikulierend mögen. Aftering komplettiert eine 2015 begonnene Trilogie aus Soloalben, die Thomas selbst als Sammlung seiner besten gelöschten Tweets bezeichnet. Im Tonfall jener filterlosen Labertaschen, die einem jede Reisebusfahrt ruinieren könnten, berichtet er von kleinen Niederlagen und den zugehörigen Gefühlsausbrüchen, die ihn immer erst viel später und gewaltiger heimsuchen, als sie sollten. Die Musik dazu ist Flackerbeat, Keyboardtrompete und gute alte Schrammelgitarre. Thomas ist ein miserabler Sänger, aber wenn er alles reinlegt in seine Songs, kann Céline Dion einem zehnmal gestohlen bleiben.

Gemeinsam haben er und Vile einen inneren Frieden mit Zuständen und Schicksal, der sich gar nicht nach Resignation anfühlt, sondern eher nach gelebter Weisheit. Er hat sich nach und nach in die Diskografien der beiden Musiker um die 40 eingeschlichen, ohne ihnen Inspiration und Ambition zu vergiften. Vor allem Vile wird immer besser, seit er kein dad-joke– und rock-Klischee mehr auslässt. Thomas hingegen wird einen neuen angle brauchen, da nun seine Tweet-Trilogie vollendet ist. Warten wir’s ab.

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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