Doppelreview: Julien Baker „Turn Out The Lights“ vs. Converge „The Dusk In Us“

Hardcore ist mehr als nur Musik: Während die Szene-Veteranen Converge sich routiniert durch ihr neues Album bolzen, scheint in den Folksongs von Julien Baker eine Hardcore-Gesinnung durch.

Wenn man von allen guten Geistern verlassen ist, den Glauben an die Menschheit verloren und keinen Freund mehr auf der Welt hat, sind Converge das Beste, was es gibt. Sonst eher nicht. Seit 27 Jahren beantwortet die Band aus Boston alle Fragen, die man zu Hardcore haben kann, schreibt unfassbar verrückte, waghalsige, harte Songs über die Tücken und Opfer ihres way of life und veröffentlicht auf dem bandeigenen Label Deathwish auch noch fast den ganzen hörenswerten Rest des Genres. Ihr neuntes Album heißt The Dusk In Us und stellt die Zeichen auf Karriere-Spätherbst. So abgezockt wie hier haben Converge lange nicht mehr losgebolzt. Es ist eine vergleichsweise konventionelle Chaos-Platte.

„The harder I swim, the faster I sink“ – wer tätowiert sich das zuerst?

Die Band um den schreihalstätowierten Jacob Bannon war mit den Aufnahmen ihres zweiten Albums beschäftigt, als Julien Baker im September 1995 geboren ist. Als Hardcore-Kid muss die Songwriterin, Sängerin und Multiinstrumentalistin aus Memphis irgendwann auch über Converge gestolpert sein. Man hört das nicht an den geduldigen, meist kargen Kompositionen, die sie auf ihrer zweiten Platte Turn Out The Lights häufiger als bisher am Klavier bestreitet. Man hört es aber daran, wie Bakers Songtexte die Extreme zwischen den Klassikern der existenzialistischen Begriffspaarung (Leben / Tod, Glaube / Zweifel, Schmerz / Ekstase) ausloten, an ihrem für jeden Gefühlsausbruch gewappneten Gesangsstil und sogar daran, wie versiert die Musik ihre Pausen setzt, wenn Baker die ganz großen Emozeilen raushaut. „The harder I swim, the faster I sink“ – wer lässt sich das zuerst tätowieren?

Letztes Jahr ist Baker auch auf deutschen Bühnen als furchtlose Performerin und gefürchteter support von unter anderem Car Seat Headrest aufgeschlagen. Körper, Stimme, E-Gitarre: Sie war hardcore, auch wenn sie nicht Hardcore war. Turn On The Lights kann daran nur selten anknüpfen. Es ist eine ziemliche Schinderei im immergleichen verschleppten Tempo, jedes Wort soll ein Steinschlag sein, alles buchstabiert Verzweiflung aus, aber kaum ein Moment beschwört das zugehörige Gefühl herauf. Das ist bei Converge anders. Deren Songs heißen „Eye Of The Quarrel“ oder „I Can Tell You About Pain“ und halten ihre Versprechen alleine schon durch die körperliche Robustheit und spielerische Raffinesse, die sich die Band in knapp drei Jahrzehnten antrainiert hat. Wahrscheinlich hätte sie The Dusk In Us auch im Schlaf hinbekommen. Aufzuhalten sind Converge aber auch dann nicht, wenn sie Hardcore ohne hardcore spielen.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 377 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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