Doppelreview: Jochen Arbeit „Messages“ vs. Hackedepicciotto „Menetekel“

Statistisch gesehen spielt jedes Mitglied der Einstürzenden Neubauten in drei Nebenprojekten. Heute: Jochen Arbeit benutzt auf Messages gewichtige Sprachaufnahmen und Alexander Hacke lotet gemeinsam mit Ehefrau Danielle De Picciotto auf Menetekel europäische Folklore aus.

„This record is a message to young people / To people under the age of 25 / And certainly under the age of 40.“ Das sind die ersten Worte auf Jochen Arbeits neuem Album Messages. Ich will – da on the wrong side of 40 und nicht zur Zielgruppe gehörend – das Werk des ehemaligen Die-Haut-Gitarristen und heutigen Einstürzende-Neubauten-Mitglieds schon aus dem Player zerren, als mich der nach Steve Reichs organischer Housemusik klingende Sog des Stückes, mehr noch aber die Fortsetzung der Botschaft davon abhalten. „If you are over the age of 40 / I am not sure that you should listen to this record“, fährt der Sprecher, mit allen massenpsychologischen Wassern der Verführung gewaschen, fort.

Und so höre ich Dr. Timothy Learys Gedankenspielen weiter zu. Arbeit hat sie seinem 1966 – da war der LSD-Apostel Mitte 40 – veröffentlichten Spoken-Word-Album Turn On, Tune In, Drop Out entnommen. Am Ende wird Learys Gerontophobie klarer: Die Generation 40 plus sei die mit den Waffen, der Machtgier und dem Kontrollwahn. Die der Jungen eher an freundlicher Weltexploration interessiert. Offenbar gab es 1966 noch keine Kindersoldaten oder Jungs, die Schnecken die Fühler abschneiden.

Das Ende aller Zeiten darf bis zum nächsten Album warten

Rousseau endet noch immer bei de Sade, denke ich, als der Beat an Fahrt auf- und die Performance-Künstlerin Marina Abramović das Sprechen übernimmt. So geht das knapp 50 Minuten auf Messages. Wir hören in den verschiedenen Movements noch Miles Davis, Tilda Swinton, Lee „Scratch“ Perry, Lydia Lunch, John Cage und Laurie Anderson. Das ist mal erhellend wie bei Swintons Plädoyer für Wandlung, Risiko und Selbsterkenntnis oder bei Cages die Grenzen traditioneller Musikvorstellungen transzendierendem Soundkonzept, mal ermüdend wie bei Abramovićs selbstgefälligem Versuch, zu definieren, was einen wirklichen Künstler ausmache, oder bei Davis’ biologistischer Einlassung, echten Jazz könnten eh nur Schwarze. Doch nicht die Inhalte sind das Faszinierende an Jochen Arbeits hypnotischer Klang-Text-Collage, sondern die ingeniöse Weise, auf die Wort und Sound derart verklammert werden, dass man sich die Sprachaufnahmen ohne die ihnen Gewicht verleihende Musik weder vorstellen kann noch will.

Unter dem große romantische Sensibilitäten verratenden (Verschmelzung!) Namen Hackedepicciotto lotet derweil ein weiteres Neubauten-Mitglied, Alexander Hacke, mit seiner Frau Danielle de Picciotto die Möglichkeiten einer unpeinlichen, weder Bäume umarmenden noch mit sächsischem Akzent Odin anrufenden neopaganen Naturmystik aus deutschen Landen aus. Menetekel – ein Name wie ein Xmal-Deutschland-Stück, der auf den apokalyptischen Gehalt dieses Albummonolithen hinweist – vereinigt Gothic-Kraut, Current-93-Pantheismus, den Unterholzfolk der genialischen Christenband Revolutionary Army Of The Infant Jesus und ein Gespür für animistische Waldsounds.

Swans-Krachigkeit trifft auf solitäre Streicher, mongolischer Kehlgesang auf Schellen, Klangschalen, verwunschene Klaviertupfer und die fragile Rose-McDowall-Stimme de Picciottos. Pan hält beim Nymphennachstellen inne, denn hier kündigen sich existenziellere Verwerfungen im Göttergefüge an. Menetekel schert sich mit seiner entschleunigten Wuchtdramaturgie zum Glück nicht um die minimierten Aufmerksamkeitsspannen im Whatsapp- und Twitter-Zeitalter. Der Winter kann kommen. Das Ende aller Zeiten darf gern bis zum nächsten Album warten.

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