Doppelreview: Jeff Mills „Planets“ vs. Carl Craig „Versus“

Elektronik versus Orchester versus funktionaler Techno: Die neuen Alben von Jeff Mills und Carl Craig in der Besprechung.

Jeff Mills und Carl Craig, sie waren die Musterschüler des Detroit Techno. Im Herbst ihrer Karriere arbeiten sich nun beide an klassischer Musik ab. Mills, geboren 1963, ist der wichtigste Techno-Produzent der US-Automobilstadt. Der sechs Jahre jüngere Craig setzte über viele Jahre entscheidende Impulse, seine Alben Landcruising und More Songs About Food And Revolutionary Art zählen zu den besten Techno-Platten aller Zeiten. Zuletzt schien Craig die Inspiration abhanden gekommen zu sein. Wenn in den letzten Jahren etwas von ihm zu hören war, dann war es die seit Ewigkeiten immer gleiche C2-Remix-Formel. Mills hingegen kümmert sich schon länger nicht mehr um das Tagesgeschäft der Clubmusik. Seit etwa zehn Jahren baut er mit hochkulturellem Segen an seinem eigenen Denkmal. Er hat es sich durchaus verdient: Seine Techno-Entwürfe der Neunziger waren radikal. Egal ob knallharte Banger („Purpose Maker“), streng-minimale Tracks („Axis“), Stücke mit Industrial-Einflüssen oder atmosphärischer Science-Fiction-Techno – es klingt immer nach Mills. Der Mann hat Generationen junger Produzenten beeinflusst, noch heute ist seine Definition eines funktionalen Techno-Tracks die dominierende.

Im Rockgenre künden gemeinsam mit einem Sinfonieorchester eingespielte Greatest-Hits-Alben vom nahenden Karriereende. Versus, das neue Album von Carl Craig, ist leider genau solch eine Platte geworden. Gemeinsam mit François-Xavier Roth, dem Chefdirigenten des SWR-Orchesters und Generalmusikdirektor der Stadt Köln, sowie dem Pianisten Francesco Tristano und dem Orchester Les Siècles sind diverse Carl Craig-Stücke wie „At Les“, „Sandstorms“ oder „Desire“ neu aufgenommen worden. Elektronik versus Orchester also, das Ergebnis klingt ein wenig geltungssüchtig und nur wenig erbaulich. Ein Stück wie „At Les“ verschwindet hinter all diesem auf Größe getrimmten Sound. Ein deutlich stringenteres und weniger aufgeblasenes Konzept einer Fusion von Techno und Klassik verfolgt hingegen Jeff Mills mit Planets. Zunächst einmal ist das Album eine Hommage an Gustav Holsts erfolgreiche Orchestersuite The Planets, die 1918 in London uraufgeführt wurde. Später tauchten einzelne Themen der Suite in Soundtracks (Batman Forever, Gladiator) oder in Computerspielen (Outpost, Super Mario Bros. 3) auf. Wie Holst widmet Mills jedem Planeten unseres Sonnensystems ein Stück. Der Blick ins Weltall, den dieses in Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester von Porto und dem Dirigenten Christophe Mangou aufgenommene Album eröffnet, ist ein retrofuturistischer. In dieser Hinsicht reiht sich Planets nahtlos in seine Diskografie ein. Die großen Orchesterarrangements machen aus Planets aber noch keine große Jeff Mills-Platte.

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