Doppelreview: Jamiroquai „Automaton“ vs. !!! „Shake The Shudder“

Zwei Alben, die nach dem klingen, was ihre Macher eben sind: Ältere Männer, die so ein bisschen auf ihrem Neunziger-Traum der ewigen hedonistischen Jugend hängengeblieben sind.

Viele Leser schätzen sicherlich Vulfpeck, und wenn nicht, legen Sie jetzt das Heft beiseite und googeln Sie die mal – eine Handvoll hipper Nerds, die groovende und perfekt produzierte Siebziger-Funk-Tanz-Sessionspielereien erzeugen, diese aber mit feschen, frechen Youtube-Videos zu Altherrenmusik für junge Menschen machen. Für alte wie mich aber auch. Sehr zu empfehlen! Die Frage ist nur: Braucht man dann noch groovende und perfekt produzierte Altherrenmusik, die tatsächlich von alten Herren gemacht wird?

Musik für Eltern, deren Kinder erwachsener sind als sie selbst.

Sowohl Jay Kay alias Jamiroquai aus England als auch !!! aus den USA scheint das herzlich egal zu sein. Sie wollen es noch einmal wissen. Jamiroquai, der vor einem Vierteljahrhundert Vulfpecks heutige Rolle des Siebziger-für-junges-Publikum-Aufwärmens einnahm, ganz genau gleich wie Stevie Wonder sang und dazu stetig beknackter werdende Kopfbedeckungen trug, trägt auf dem Coverfoto seines neuen Albums Automaton eine noch beknacktere Kopfbedeckung als jemals zuvor, singt immer noch genau wie Stevie Wonder, zitiert an einer Stelle „Eyes Without A Face“ von Billy Idol und ist überhaupt sehr eindeutig ein alter Herr, bezeichnet er doch im Lied „Hot Property“ seine Dame als „heißes Eigentum“.

Die Platte an sich klingt ganz nett und ist mit den neuesten Software-Klängen aufgepeppt – ich würde vermuten, die Anwendung „Alchemy“, die heutzutage im Programm Logic integriert ist, spielt hier eine tragende Rolle. Ein äußerst versatiles Wumms-, Quietsch- und Wob-wob-Sound-Erzeugungslabor, dessen intuitives Interface auch alte, technikferne Herren wie ich zu bedienen vermögen.

Auch !!! zirkulieren seit Jahrzehnten über die Festivalbühnen der westlichen Welt und machen ihr Punk-Funk-Ding ganz gut, über die Jahre haben sie es ebenfalls um elektronische Spielarten und zahlreiche Gastvokalistinnen erweitert. Dies zeigt sich auch auf dem Album Shake The Shudder, wo verlangsamte, modernisierte Drum’n’Bass-Rhythmen wie im Opener „The One 2“ ebenso vorkommen wie House-Beats und Indierock. Besonders hübsch ist „What R U Up 2today“, wo die vierjährigen Tochter von Bandmitglied Rafael Cohen als Sängerin agiert. Cohen hat ihren Bericht über das Nicht-Auffinden-Können ihrer Spielsachen zu einem tollen Electro-House-Hüpfer mit Geisterqualitäten gemischt.

Ansonsten klingt auch dieses Album nach dem, was !!! eben sind: Ältere Männer, die so ein bisschen auf ihrem Neunziger-Traum der ewigen hedonistischen Jugend hängengeblieben sind, Musik für Eltern, deren Kinder erwachsener sind als sie selbst. Der post-ironische, mit puritanischer Strenge nachempfundene Funk-Groove von Vulfpeck, der wie das Ergebnis harter, unbezahlter Arbeit klingt und dennoch total entspannt, ist zeitgemäßer.

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