Doppelreview: Fishbach „À Ta Merci“ vs. Dita Von Teese „Dita Von Teese“

Dita Von Teese greift ihre in die Jahre gekommene Agenda wieder auf, diesmal mit den Mitteln der Musik, während Fishbach nach dem Gegenteil von Künstlichkeit sucht.

Dita Von Teese, die postmoderne Venus, die statt Botticellis Muschel einem Martini-Glas entstieg, wollte immer zugleich Traumgebilde für und Affront gegen die Männerschaft sein, damals im goldenen Zeitalter der pussy grabber. Als eine frühe Wegbereiterin der feministischen Pornografie und als die Ikone schlechthin im Neo-Burleske propagierte sie eine weibliche Lust, die die Geschichte der US-amerikanischen sexuellen Ästhetik nicht negierte, sondern usurpierte. Doch nach dem ehelichen Intermezzo mit Marilyn Manson im Jahr 2006 wurde es ruhiger um Von Teese. Ihr ironisierendes Spiel mit den Objektivierungsstrategien um weibliche Körperlichkeit schien nicht mehr in den Zeitgeist eines selbstbewussten Genderdiskurses zu passen.

Nun greift Von Teese ihre in die Jahre gekommene Agenda wieder auf, diesmal mit den Mitteln der Musik. Zusammen mit dem französischen Pop-Barden Sébastien Tellier hat sie ihr unbetiteltes Debüt aufgenommen. Eine Art inneres erotisches Protokoll, mit englischen wie französischen Einträgen. Tellier, der nicht nur aussieht wie ein Slavoj-Žižek-Lookalike, sondern auch schon den einen oder anderen pevert’s guide to songwriting komponiert hat, ist für so ein Projekt ein naheliegender Partner; wenngleich ein ideologischer Kontrapunkt dem Album gut getan hätte. Meistens klingt es, als beschallten Air und Coldplay eine Pufflobby, während Blumenmädchen Von Teese Plastikrosenreime wie „erotic rendez-vous“ auf „forbidden fruits“ verteilt. Bleibt ihrem holprigen Säuseln im Englischen noch ein Restcharme, kippt ihre Stimme im Französischen komplett ins grotesk Artifizielle.

Air und Coldplay beschallen eine Pufflobby.

Das Gegenteil von Künstlichkeit sucht die Französin Flora Fishbach. Nachdem sie bereits als Teenager landflüchtig geworden, aus der Provinz nach Paris gezogen war und sich dort einige Jahre durchgeschlagen hatte, entwickelte sie sich zuletzt zur Hoffnungsträgerin im französischen Pop. Das liegt nicht nur an ihrem formidablen Debüt À Ta Merci, sondern vor allem an ihrer Person selbst. In Interviews meidet sie jede Form der Prätention, gibt über ihre Erfahrungen als Frau im Musikgeschäft und das Pariser Dilemma zwischen sans-papiers und Terror im Bataclan Auskunft – ohne ihrer Meinung Universalität zuzusprechen. Vielmehr spricht und singt sie gemäß einem inneren moralischen Kompass, der gegen jeglichen Magnetismus der Moden gefeit scheint.

Geradlinigkeit und Einfachheit sind der gemeinsame Nenner all ihrer Stücke, textlich, vor allem aber musikalisch. Das Referenzsystem, in dem man Fishbach verorten kann, ist dem von Tellier gar nicht unähnlich. Doch wo dieser Schichten um Schichten aus Make-up auf seine Melodien spachtelt, vertraut Fishbach der Kraft des Ungeschminkten. Ganz ohne Vorsatz avanciert sie damit zu einer neuen weiblichen Stimme, die die französische Chanson-Sängerin vom ewigen Ballast der Erotizismen befreit.

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