Doppelreview: Deap Vally »Femejism« vs. Half Girl »All Tomorrow’s Monsters«

Rock und die Frauenfrage, das war jahrzehntelang keine besonders erfreuliche Sache. Rock’n’Roll kann 2016 aber auch anders: Deap Vally und Half Girl verbindet das unbedingte Bekenntnis zum Feminismus. Pünktlich zum Release des Albums erscheint heute außerdem das neue Video von Half Girl: »Girl in a Band«.

»I’m gonna do it / ’Cause I wanna«. Den paternalistischen Kommentaren zu ihrem Debüt Sistrionix, nach denen ihre Riffs zu wenig eigenständig klängen und angeblich denen ihres Freundes Jack White ähnelten, begegnen Lindsey Troy und Julie Edwards alias Deap Vally aus Los Angeles nun mit ihrem neuen, dicken Brett Femejism, das vor Selbstbewusstsein und bestgelaunter fuck-you-Attitude nur so strotzt. Oder spritzt: Der Titel ist eine hübsche Kombi aus – klar – feminism und jismvulgar slang für Sperma.

Ihre Vorliebe für schweren Bluesrock der Led-Zeppelin-Schule und verzerrten Gitarrensound verlassen Troy und Edwards, die übrigens auch hochbegabte Kunsthäklerinnen und -strickerinnen sind, auf Femejism nur selten. Im Gegenteil drehen sie die Regler hoch bis zum Anschlag. Beziehungsweise lassen sie das ihren Produzenten Nick Zinner tun, der, als Yeah-Yeah-Yeahs-Gitarrist, ja Erfahrung im Umgang mit kühnen Kolleginnen hat. Der echte Clou an Deap Vally ist jedoch ihre kompromisslose feministische Haltung, die eine Fülle T-Shirt-Slogan-tauglicher Lyrics mit sich bringt: »I am not ashamed of my mental state / And I am not ashamed for my body weight / I am not ashamed of being no one’s wife«, heißt es in »Smile More« – Femejism rules, OK?!

Half Girl - All Tomorrow's Monsters

Ganz anders, aber doch irgendwie ähnlich klingen Half Girl, deren Debütalbum erst jetzt erscheint, obwohl sie seit mindestens sieben Jahren die Lieblingsband aller Berliner- und Wienerinnen mit Hang zu Horrorfilmen und Hardrock sind. Interne Verwerfungen verzögerten die Aufnahmen zu All Tomorrow’s Monsters, aber offensichtlich musste erst das perfekte All-Star- respektive All-Girl-Line-up zusammenfinden: Zur Band gehören neben Julie Miess jetzt Gwendolin Tägert, Anna-Leena Lutz und Vera Kropf, die alle ihre eigene Indiepop-Geschichte mit sich herum- und nun in Half Girl hineintragen. Wie befreit schmettern die vier in ihrer neuen Konstellation hitverdächtige Hymnen wie »Monstergang« und »Girl In A Band«.

Femejism rules, OK?!

Mit Deap Vally verbindet Half Girl das unbedingte Bekenntnis zum Feminismus, das bei Half Girls im schön kaputten Track »Lemmy, I’m A Feminist« gipfelt. Rock und die Frauenfrage, das war jahrzehntelang keine besonders erfreuliche Sache. Half Girl erzählen eine andere Geschichte, auch weil das Quartett zwar Hardrock und Heavy Metal sehr verehrt, aber wenig Interesse an der reinen Lehre hat. Auf »All Tomorrow’s Monsters« gibt es Sixties-Garage, Punkrock zum Mitsingen, Songs über liebenswerte Mischwesen, erratisch Rätselhaftes (»Narzissten lieben mich«), eine schmachtende Coverversion von Skeeter Davis’ »The End Of The World« plus eine Neuaufnahme des alten Britta-Songs »Monster«, mit dem Julie Miess schon vor langer Zeit ihrem Horror-Faible freien Lauf ließ. Kurzum: Deap Vally, Half Girl – wenn das Rock’n’Roll anno 2016 ist, bin ich dabei.

Das neue Video von Half Girl,  »Girl in a Band«, gibt es hier zu sehen:

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