Doppelreview: David Nesselhauf „Afrokraut Légère“ vs. Oren Ambarchi „Hubris“

Anti-Exzess und energetischer Freilauf: Die neuen Platten von David Nesselhauf und Oren Ambarchi in der Doppelbesprechung.

Im Grunde genommen waren viele suchende Musiker der Siebziger auch nicht besser als die gelangweilten Träumer des 19. Jahrhunderts mit ihren Elefantenstatuetten und Haremsfantasien. Denn was tut man, wenn man vom Überdruss an der eigenen Kultur geplagt wird (ein Privileg, wohlgemerkt, das nur Menschen mit genug Essen im Bauch zukommt)? Man träumt sich in vermeintlich schönere. Als jedenfalls die später so genannten „Krautrock“-Bands und sonstige Freigeister in Europa und den USA vor 40 Jahren nach Alternativen zum allmächtigen Rock suchten, da landeten sie, wie schon ihre Geistesverwandten 100 Jahre zuvor, oft wieder im „Orient“ (Afghanistan, Indien, Marokko) oder in Afrika. Mit ehrlichem Interesse an lokalen Kulturformen immerhin, anders als die ennuyierten Fin-de-Siècle-Orientalisten vor ihnen. Auch wenn die Ergebnisse natürlich nicht authentisch sein wollten.

am besten ist Nesselhauf immer dann, wenn er die Gegensätze gnadenlos aufeinanderprallen lässt.

So gesehen zitiert der Hamburger Multiinstrumentalist David Nesselhauf mit seinem Solodebüt Afrokraut ein Musikgenre, das selbst schon ein Pastiche gewesen ist. Zusammen mit Gastmusikern wie dem Sänger Amadou Bah („Come Along Bintang Bolong“) will er diese früh verstorbene Phase wiederbeleben. Er tut dies immerhin halb erfolgreich. So hätten es auf der einen Seite ruhig ein paar der Drogen von damals sein können – für mehr freakout. Und auf der anderen Seite sucht man die direkte, soziale Energie, die Musiken aus afrikanischen Kulturen oft auszeichnet, hier meist vergebens. Manchmal aber findet man sie eben doch. Und am besten ist Nesselhauf immer dann, wenn er wie in „Passport Check“ die Gegensätze gnadenlos aufeinanderprallen lässt, in diesem Fall eine kraftwerkeske Vocoderstimme auf einen (schwachbrüstigen) Afrobeat – eine Art Verweis auf die manchmal nervenden, manchmal aber auch unterschätzten Exkursionen des späten Jimi Tenor. Nur halt leider weniger exzessiv.

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Die Energien frei laufen lässt dagegen Oren Ambarchi bei seiner (Kollabos mitgezählt) gefühlt 20. Platte in diesem Jahr. Ambarchi landet darauf in ähnlichen Gefilden wie Nesselhauf, auch wenn er selbst seinen Ansatz anders erklärt: Angeblich geht es ihm bei Hubris um Disco. Doch schon im ersten, vinylseitenlangen Titeltrack „Hubris 1“ ergießt sich bald ein fourth-world-Klangmagma, ähnlich dem von Jon Hassel, der in den Siebzigern zu den Outernational-Erkundern gehörte. Dazu bezwingende Motorik-Grooves von Mark Fell. Im viertelstündigen „Hubris 3“ („2“ ist ein Scharniergelenkstück) dann echter Exzess unter Mithilfe von unter anderem Jim O’Rourke und Arto Linday (Gitarren), Keith Fullerton Whitman (Synthesizer) und, siehe da, Rhythmuspattern von Ricardo Villalobos. Zusammen entfesseln sie einen Vortex, weit weg von Europa, irgendwo da draußen zwischen den Kulturen.

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