Doppelreview: Chilly Gonzales „Solo Piano III“ vs. Philipp Jedicke „Shut Up And Play The Piano“

Philipp Jedicke liefert die mittelmäßige Dokumentation, die nur wegen der spannenden Thematik ertragbar ist, während Chilly Gonzales mit Solo Piano III seinem Meisterwerk eine neue Episode widmet.

Die skurrilste Frage stellt Sibylle Berg gleich zu Beginn: Ob er sich schon immer als Außenseiter gefühlt habe? Moment, denkt man, sitzt ihr hier nicht gerade Chilly Gonzales gegenüber, also ein arrivierter, hemdtragender Mannes mittleren Alters, der beruflich Piano spielt? Ein eigenartiger Moment, von denen es im Verlauf von Philipp Jedickes Dokumentation über Gonzales allerdings zu wenige gibt. Shut Up And Play The Piano folgt einem einfachen Konzept: Eine geschätzte Schriftstellerin spricht mit einem geschätzten Musiker.

Na gut, so kann zumindest wenig kaputtgehen, denkt man. Falsch gedacht: Jedicke schafft es trotzdem, das Projekt gegen die Wand zu fahren. Etwa, indem er es sich nicht nehmen lässt, Gonzales’ Kindheit mithilfe eines Schauspielers nachzustellen: Ein pickeliger Junge spielt Trübsal blasend Klavier und später, beim Blick in den Spiegel, erklärt der echte Gonzales aus dem Off: Er habe sich in der Welt umschauen müssen, um sich selbst zu finden.

Falsch gedacht: Jedicke schafft es trotzdem, das Projekt gegen die Wand zu fahren.

Solche bräsigen Allgemeinplätze und dramaturgischen Phrasen werden weder dem Künstler Gonzales gerecht, noch dem tatsächlich spannenden Material des Film: Videos von Gonzales’ alter Band The Shit etwa, die ihn zusammen mit Peaches noch im heimischen Kanada und im Riot-Grrrl-Modus zeigen. Oder die wackeligen Aufnahmen von gemeinsamen Auftritten der beiden im Berlin der Jahrtausendwende. Auf die bei Jedicke natürlich die Läuterung folgt: Gonzales bewegt sich weg vom Wilden, zieht nach Paris, wo er eigentlich eh hinwollte, und nimmt dort um 2004 das Album Solo Piano auf, von dessen Meisterwerkshaftigkeit im Film alle überzeugt sind. Einsatz: Die demütige Hinwendung zur Klassik samt Montage aller Karrierehöhepunkte in Slow-Motion. So weit, so langweilig.

Pünktlich zum Film erscheint zudem mit Solo Piano III des Meisterwerks dritter Teil. Und die Musik, die Gonzales darauf für sein Piano geschrieben hat, trägt den immer schon anarchischen Geist des Künstlers noch einmal mehr als auf den ersten beiden Ausgaben in Richtung Klassik und Jazz. Dabei scheut sich Gonzales nicht vor Zugänglichkeit und Zitaten, schafft aber in 15 dahinplätschernden Tracks das Kunststück, einen Frühstückscafé-Soundtrack zu entwerfen, der nicht oberflächlich bleibt – sondern sich sukzessive in tiefere Schichten vorgräbt. „Pretenderness“ etwa widmet Fanny Mendelssohn (die verkannte Schwester von Felix) spannungsreiche Akkorde, während „Chico“ für den Komiker Eric André Salsa und barocken Kontrapunkt verschmilzt. „Blizzard In B-Flat Minor“ hingegen verbindet Techno mit romantischem Virtuosentum. Fazit? Shut up and listen to the piano.

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