Doppelreview: Belle & Sebastian „How To Solve Our Human Problems“ vs. The Spook School „Could It Be Different?“

Okay, Belle & Sebastian machen Hübschmusik und The Spook School haben sich in der örtlichen Comedy-AG kennengelernt. Gut und schön, aber an Mark E. Smiths Todestag schockt das niemanden.

Verzeihung, Fans von The Spook School und Belle & Sebastian, aber es ist 22 Uhr, ich muss diesen Text morgen früh abliefern und habe gerade erfahren, dass Mark E. Smith gestorben ist. Eine zumindest für mich besonders traurige Nachricht, die es schwer macht, das dem großen alten, vielleicht noch einzigen wirklichen Punk in jeder Hinsicht so komplett unterlegene Material dieser beiden sehr netten Indie-Bands gebührend zu beschreiben. Wie kann man generische Hübschmusik würdigen, wenn man plötzlich den nostalgischen Kopf voller einzigartiger Welthass-Gebell-Hits von The Fall hat?

Dennoch: Das dritte Album von The Spook School, die sich als Studenten in der Comedy-AG der Edinburgh University kennenlernten und löblich über fluide Gender-Identitäten und andere Dinge, die wichtig sind, singen, ist zwar nur generisch hübsch und klingt ganz genau wie all diese lieben britischen Studentenbands der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Es weist aber eine Liedschreibkunst auf (man nennt diese Musik übrigens Twee!), die sich graduell bei den Chefsynapsen im Wohlwollenszentrum meines Hirns einschleimt. Musste ich beim Eröffnungsstück „Still Alive“ (im Gegensatz zu Mark E. Smith) ob des ach-so-bewusst keusch gehauchten „Fuck You“ noch beinahe brechen vor lauter Ennui, wie es angesichts solcher Nettigkeit vielleicht nur alte Säcke, die auf The Fall stehen, verspüren, verdrückte ich schon beim vierten Stück des Albums, „Keep In Touch“, eine Träne, da hier die Twee-typische Verarbeitung des jemanden Vermissens sehr schön offen harmonisiert wird. Und überhaupt, die Platte enthält einige satte, wenn auch artig in den Hintergrund gemischte Feedbackgitarren-Ambiencen. Von mir aus macht weiter, Kinder.

Von mir aus macht weiter, Kinder.

Immer weiter gemacht haben auch die Posterboys und -girls des Twee, Belle & Sebastian aus Glasgow. Ihr aktuelles Album ist eine Zusammenfassung dreier EPs, die sie kürzlich veröffentlichten, und nun ja, ich weiß nicht. Ihr zweites Album, das vor circa 400 Jahren herauskam, hieß If You’re Feeling Sinister, war voller Vintage-Akustik-Klänge, Kirchenatmosphäre und clever gehauchter Texte über Mädchen, Jungen und andere Dinge, die wichtig sind, und der Autor hörte es rauf und runter. Tatsächlich lag tief unter der netten Musik das im Albumtitel erwähnte Sinistre; es war ein ganz bisschen creepy. Über die Jahre und auch auf dem aktuellen Album ist dieses ganz bisschen Sinistre verloren gegangen und durch Synthesizergedudel und ein Gefühl melancholischer Altersweisheit ersetzt worden. Der Bandleader und Hauptsongschreiber Stuart Murdoch zeigt, dass er den klassischen AOR-Kanon verinnerlicht hat und mit Akkorden umgehen kann. Auch seine Stimme ist noch zart und erinnert weiterhin interessant an ein nervendes Insekt. Aber er kann mich nicht mehr verführen. Oder: Ich bin dafür heute einfach nicht in Stimmung.

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