Donna J. Haraway „Unruhig bleiben“ / Review

Ist biologische Verwandtschaft bald hinfällig, eine Trennung zwischen Mensch und Maschine in Zukunft kaum noch möglich, das Anthropozän gar am Ende? Die feministische Naturwissenschaftshistorikerin und Cyborg-Expertin Donna Haraway imaginiert ein ethisches Zusammenlebens der Arten: Ihr neues Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän ist in der Übersetzung von Karin Harrasser im Campus Verlag erschienen.

„Make kin, not babies!” ist der Schlachtruf, der Donna J. Haraways Unruhig bleiben zu­ grunde liegt. Bei einer drohenden Überbe­völkerung der Erde von elf Milliarden im Jahr 2100 sieht die Naturwissenschaftshistori­kerin und Frauenforscherin nicht mehr viel Handlungsspielraum, um die Ökosysteme des Planeten zu retten und ein Weiterbeste­ hen der Arten zu ermöglichen. Das Anthro­pozän, das vom zerstörerischen Individualis­mus geprägte Zeitalter, muss zu Ende gehen zugunsten einer freundlicheren Epoche des Zusammenlebens, dem Chthuluzän.

Hara­ways Vorschlag: Verwandtschaft nicht mehr an biologischen Abstammungslinien festzu­machen, sondern über die Arten hinweg zu gestalten. Wie das aussehen könnte, zeigt sie mit einer Sammlung von kunstaktivistischen Projekten, ökologisch­wissenschaftlichen Ini­tiativen und utopischen Gedankenspielen. Sie berichtet von Tauben und ihren Züchtern, indigenen Bevölkerungsgruppen und ihren Herdentieren und imaginiert über fünf künf­tige Generationen hinweg ein Szenario des ethischen Zusammenlebens der Arten. In diesem wilden Mix aus Biologie, New­-Age­-Erbe und Science Fiction wird es bisweilen schwer, Haraway zu folgen. Unruhig bleiben ist eine Essaysammlung, und fünf der acht Kapitel sind bereits in anderen Veröffent­lichungen erschienen. Das zeigt sich nicht nur in einigen unnötigen Wiederholungen, sondern auch in einem Mangel an Struktur und kohärenter Argumentation. Haraways Aufruf zur (freiwilligen) Bevölkerungsein­dämmung ist nicht ganz unproblematisch, wie sie selbst gesteht. Abgesehen vom freiwilli­gen Verzicht von Antinatalisten – wer kann schon entscheiden, wer sich fortpflanzen darf? Vielleicht hält man es da lieber mit der französischen Künstlerin Orlan, die sich in einer aktuellen Kunstperformance statt ei­nes biologischen Nachkommen lieber einen Doppelgänger-­Androiden gebastelt hat. Da­von versteht Haraway ja auch etwas.

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