Mal ein Geschmacksverbot übertreten

Keine Angst vor Schweinerock: Dominique aus Berlin überwinden auf ihrem dritten Album »More Love Now« beim postmodernpostkoitalen Spiel mit den Identitäten ihre letzten Hemmungen.

Dominique
Foto: © Michael Mann / Spex

Dominique sind keine Band klarer Hierarchien und genau verteilter Identitäten. Bestes Beispiel: Man trägt einen Vornamen, besteht aber aus sechs Mitgliedern plus Gästen. Unter ersteren finden sich eine Filmemacherin, Ninon Liotet, sowie Dominic Eichler und Richard Davis. Liotet ist eine der Stimmen, die auf der mittlerweile dritten Dominique-Platte »More Love Now« singen oder sprechen. Aus dem ferneren Ausland, genauer: aus Australien bzw. England stammen Eichler und Davis, beide sind seit Jahren in Berlin-Kreuzberg wohnhaft. Davis war vor Dominique in vielerlei Musikprojekte verstrickt und ist es parallel noch immer. Eichler, der seinen Vornamen französierte, verdient sein Geld in erster Linie schreibend, mit Kunstkritik. Beide rücken in der Außenwahrnehmung etwas vor die anderen Mitglieder, obwohl sie es gar nicht wollen.

    Musikalisch pfeifen Dominique auf alle gegenwärtig üblichen Muster. »More Love Now« ist von gerade angesagten Moden, von Franz Ferdinand oder Vampire Weekend, gänzlich unberührt. Eher beziehen sie sich auf 1982er-Pop, ABC, Prefab Sprout, Heaven 17 oder The Human League. Dabei werden sie, nicht zuletzt dank Anna Starks Cello-Einsatz, gerne auch mal ausschweifend und schwelgerisch. Dominique fallen aber vor allem dank ihres Spiels mit sexuellen Identitäten auf und haben mit »More Love Now« eine sehr textlastige, mit Identitäten jonglierende Platte gemacht. Die Stücke handeln von postkoitalen Tragödien: Geschichten, Bekenntnisse, Beichten, Sehnsüchte. Eichler: »Es sind viele Dialoge, starke Bilder, von denen ausgehend man dann weiter textet. Fragmente, Aufgeschnapptes, schnell Mitgeschriebenes. Zitate.« In den Texten wird also mit postmodernen Techniken gespielt, mit einer Polyfonie aus Stimmen und Aussageebenen. Und es wird viel geredet auf der Platte. »Man kriegt eben mehr Wörter in einem Stück unter, wenn man nicht so viel singt«, kommentiert Eichler lächelnd. Wie Speech Samples funktionieren diese Vocals, ohne dabei gesamplet zu sein. Die Journalistin Christina Mohr hat dies einmal treffend »Spocals« genannt.

    Neben und mit diesen kleinen Textmusik-Sinfonien trauen sich Dominique immer wieder auch den ganz großen Popsong zu (die Pet Shop Boys wären außerdem als Referenz zu erwähnen, nur dass Dominique keinen Tanzbarkeitsansatz verfolgen). Vielleicht liegt es an all diesen Bezügen auf die Vergangenheit, dass »More Love Now« noch klassisch im Vinylformat gedacht ist, die Songliste auf der Rückseite in A- und B-Seite aufgeteilt wurde. Dieses Artwork stammt von der Band selbst und von Julian Göthe, einem befreundeten Künstler. »›Arty‹ ist für uns ein Kompliment, kein Schimpfwort, wir kommen alle aus verschiedenen künstlerischen Richtungen«, sagt Dominic Eichler mit Blick auf den eher punkrocksozialisierten Davis.

    Mitten hinein in diese musikalisch-textlich-künstlerische Kollektivseligkeit, die immer auch eine milde Depression beinhaltet, hauen Dominique dann aber ein Monsterschweinegitarrenrocksolo (in »Wayward«). Warum? »Wir hatten vorher ›Ziggy Stardust‹ gehört. Und unser Gitarrist, Simon Olivier, kann so etwas spielen. Wir dachten: Warum nicht mal ein Geschmacksverbot übertreten«, erklärt Davis. Richtig, das passt. Die eigene Geschmackspolizei überlisten, sich und anderen sagen, dass alles geht.


»More Love Now« von Dominique ist bereits erschienen (Dial / Kompakt). Am 09. Juni spielen Dominique ein exklusives Konzert als Support von Joan As Police Woman in der Berliner Volksbühne.

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