Doldrums The Air Conditioned Nightmare

Doldrums im Wunderland: The Air Conditioned Nightmare ist eine paradoxe Reise, auf der Erfahrungen zu Klängen werden und es gilt, den Meister des Albtraums zu bezwingen.

Die Paratextualität des Albumtitels kündigt es bereits an: Die Sound-Collagen des Avant-Pop-Outfits Doldrums haben ein neues Level erreicht. Der 25-jährige Airick Woodhead aus Toronto, kreatives Zentrum des Projekts und zu gleichen Teilen Klangvandale und DIY-Leftfield-Bohemien, tritt in referenzielle Fußstapfen, die größer kaum sein könnten: 1945 kehrt der amerikanische Schriftsteller und Beatnik-Urvater Henry Miller nach einem selbstgewählten zehnjährigen Exil in sein Heimatland zurück und begibt sich auf eine Art spirituellen road trip. Die auf diesem Weg entstandene Essay-Sammlung nennt er The Air-Conditioned Nightmare, sein scharfes Urteil über die amerikanische Gesellschaft – diese sei Opfer ihres eigenen moralischen, kulturellen und ästhetischen Vakuums geworden – wird immer noch gerne zitiert.

70 Jahre später bemüht auch Woodhead dieses Diktum und kokettiert nach seinem Debütalbum Lesser Evil ein zweites Mal mit dem Status des Grenzgängers: Den Konflikt im Herzen, begibt sich der Kanadier auf eine Miller’sche Reise durch die eigenen akustischen Archive der Musikgeschichte. Während der kakofon aufgeladene Tape-Loop-Punk vergangener Tage eine dystopische und dennoch waghalsige Energie freisetzte und fingerfertig alle Möglichkeiten digitaler Produktionsmittel auslotete, versucht Nightmare nun nicht mehr nur, die diversen Versatzstücke zu einer Genrecollage zu verschmelzen, sondern sie durch Woodheads persönliche Erfahrungswelt zu schleusen und der eigenen Klangwelt einzuschreiben.

Das macht die musikalischen Verweise nicht weniger bedeutungsschwanger als die literarischen: Auf The Air Conditioned Nightmare paradieren Reminiszenzen an The Prodigy, Nine Inch Nails, Animal Collective, Radiohead, aber auch Goblin und My Bloody Valentine in einem enthusiastischen Stakkato. Es ist wie Referenz-Tombola: Man weiß nie genau, was man bekommt. Im Zentrum steht Woodheads Besessenheit mit Gegensätzen und Widersprüchen: Plastizität vs. Echtheit, Simulation vs. Authentizität, Entspannung vs. Paranoia. Zusammengehalten wird das Album aber, vor allem in seinen leisen Momenten, von einer spitzbübisch wirkenden Klangsignatur, die ausgerechnet Walt Disney auf den Plan ruft.

So entfalten sich die melodischen Mid-Tempo-Nummern »Funeral For Lightning« und »Video Hostage« zu nahezu Filmmusik-ähnlicher Größe und erinnern an Zeichentrick-Scores wie die zu Alice im Wunderland oder Das Dschungelbuch. Henry Miller nannte Walt Disney den Meister des Albtraums. Airick Woodhead scheint sich dieser Meinung anzuschließen: The Air Conditioned Nightmare ist eine Odyssee durch eine ikonische Klanglandschaft und eine persönliche Abrechnung mit den eigenen Wurzeln.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.