Do Right Woman: Aretha Franklin – ein Nachruf

Foto: Michael Ochs, 1965

Aretha Franklin ist tot. Mit ihr verliert der Pop nicht nur eine seiner mächtigsten Stimmen, sondern vor allem ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man in einem feindlichen Umfeld entgegen aller Widrigkeiten seine Würde verteidigen kann. Ein Nachruf.

Sie werden die traurige Nachricht schon vernommen haben: Aretha Franklin ist tot. Am Donnerstag erlag die Königin des Soul im Alter von 76 Jahren den Folgen einer Krebserkrankung.

Die Sängerin, Komponistin und Pianistin führte ein bewegtes Leben – und bewegte viele Leben. In den ersten Stunden nach ihrem Tod scheint jedoch vor allem ihr Werkzeug im Vordergrund zu stehen: diese Stimme. Einzelne Nachrufe sprechen von ihr als eigenständige Person und oft mehr über bestimmte Töne als von Franklin selbst. Ein Jahrhundertorgan, sie wissen schon. Gibt es einen Superlativ von „stimmgewaltig”?

Empirisch ist das alles wasserdicht: Schon zu Lebzeiten wurde Franklin mehrfach von  Leserschaften wie Redaktionen der großen Musikzeitschriften zur besten Sängerin aller Zeiten gewählt. Das ergibt Sinn, sicher. Doch es verlockt auch dazu, so zu tun, als hätte es den struggle, den Schmerz, die Verluste und die harte Arbeit dahinter nie gegeben. Wie es zum Beispiel Donald Trump tat, als er Franklins Stimme als Geschenk Gottes lobte, gleich nach dem Satz: „Sie hat öfter für mich gearbeitet.“

„Die amerikanische Geschichte bricht auf, wenn Aretha singt“

Barack Obama, bei dessen Amtseinführung Franklin 2009 auftrat, hatte Taktvolleres zu sagen, nachdem ihn eine Performance der Sängerin zu Tränen rührte: „Niemand verkörpert die Verbindung zwischen afroamerikanischen Spiritual, Blues, R’n’B, Rock’n’Roll vollständiger – wie Elend und Leid in Schönheit, Lebendigkeit und Hoffnung verwandelt wurden. Die amerikanische Geschichte bricht auf, wenn Aretha singt“, sagte er 2016 dem New Yorker.

Franklin wurde 1942 in Memphis, Tennessee geboren. Mitten hinein in eine Zeit also, als in den USA strikte Rassentrennung herrschte. Sie sang für Martin Luther King, als der erste schwarze US-Präsident noch nicht geboren war. Und wurde spätestens mit ihrem kommerziellen Erfolg Ende der Sechzigerjahre selbst zu einem unsagbar wichtigen Symbol für empowerment, insbesondere schwarzer Frauen. Der Weg dahin war zäh und lang, obwohl Franklin sozusagen auf der pole position startete.

Schon 1960 hatte die damals 18-Jährige eine Handvoll Gospelplatten veröffentlicht und war jahrelang mit ihrem Vater durch die baptistischen Gemeinden Nordamerikas getourt. Über diesen – einen der ersten Pastoren, der seine Predigten auf Platte pressen und im Radio senden ließ – war die junge Franklin schon baptistischen Haushalten im ganzen Land bekannt und verfügte über beste Kontakte in die Musikwelt, als sie sich ein Beispiel am soul man Sam Cooke nehmen und vom Gospel in die „säkulare“ Musik wechseln wollte.

Die gern übersehene Kehrseite: Zur selben Zeit hatte Franklin auch schon zwei Schwangerschaften hinter sich. Die erste mit zwölf, die zweite mit 14. Und 1961 veröffentlichte sie nicht nur ihr erstes Album auf Columbia, sie heiratete auch ihren ersten Mann Ted White, der sie bis zur Scheidung Ende der Sechziger psychisch und physisch misshandeln sollte. Da wirkt es fast schon zynisch, dass White bei einem so grandiosen feministischen Song wie „Think“ als zweiter Co-Songwriter aufgeführt wird. Franklins Musik zehrt von diesem Schmerz. „Sie ist ehrlich mit allem, was sie sagt“, schrieb Mary J. Blige 2008. „Alles, was sie denkt oder fühlt, ist in ihrer Musik.“ Und erinnerte sich im Folgenden daran, wie sie mit ihrer Mutter zu „Do Right Woman, Do Right Man“ oder „Ain’t No Way“ weinend am Esstisch saß.

Das erste Mal, dass ich deutsches Weißbrot Franklin erleben durfte, war lachend vor dem Fernseher mit meinem Vater. Die Blues-Brothers-VHS wurde in meinem Elternhaus rituell verschlungen und Franklins „Think“-Performance besonders geliebt. Es dauerte ewig, bis ich verstand, dass Künstler_innen wie Franklin oder James Brown 1980 nicht mehr auf ihrem Zenit waren, sondern dank des Films einen zweiten Frühling erlebten. Was Franklin mit diesem unverhofften Hype dann anstellte, illustriert ihre größte Stärke: Wandelbarkeit.

Was Franklin außerdem von anderen R’n’B-Giganten wie Wilson Pickett, Percy Sledge oder auch James Brown unterschied, war, dass sie sich nicht für unfehlbar hielt – vielleicht auch, weil sie es sich nicht leisten konnte. Als schwarze Frau in einem bis heute von weißen Männern dominierten Musikgeschäft hatte Franklin natürlich ihr Talent und ihre Stimme, doch vor allem musste sie sich stets aufs Neue beweisen. „Es gibt keine Freifahrtscheine für weibliche Popstars, als Genies werden sie nicht anerkannt“, schrieb Daniel Gerhardt kürzlich über Nicki Minaj. Franklin ist in vielerlei Hinsicht die Mutter dieses struggle. Und letztlich ein Sinnbild dafür, dass es trotzdem Hoffnung gibt.

1998 sang sie mit nur zwei Stunden Vorbereitungszeit „Nessun Dorma“ bei den Grammy Awards an Luciano Pavarottis Stelle. Die Gage hatte sie dabei wohl schon in der Tasche, denn Franklin trat niemals auf, ohne im Vorfeld bar bezahlt zu werden. Ein Zeichen, dass diese Grand Dame aus einer anderen Zeit stammte? Wohl kaum. Vielmehr dafür, dass sie mit harten Bandagen gelernt hatte, wie dieses Business funktioniert – und wie man sich in diesem Umfeld in Würde behaupten kann.

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