DJ Taye „Still Trippin’“ / Review

DJ Taye von der Teklife-Crew aus Chicago zeigt auf seinem neuen Album Still Trippin’, worum es bei Footwork im Kern geht: um die Feier von Leben und Körper.

„Die erste Quelle der Musik liegt im Flüstern der Erde, die zweite in den Gesten der Menschen.“ Dieser Satz des renegaten Philosophen Michel Serres liest sich, als sei er persönlich dabei gewesen bei der Genese des Clubmusik-Stils Footwork in Chicago, bei dem das Tanzen die Beats beeinflusst und die Beats das Tanzen. Und wo es gilt, nicht nur die komplexesten Polymetriken zu basteln, sondern auch die schnellsten Schritte und absurdesten Körperbewegungen auf spontanen Club-Battles vorzuführen.

Die erste Quelle der Musik liegt im Flüstern der Erde.

DJ Taye von der Teklife-Crew aus Chicago war Tänzer, bevor er zu komponieren begann. Die 16 Tracks auf seinem Album Still Trippin’ sind psychedelische Trips im Schnellzug. Der setzt sich zwar langsam in Bewegung, als Hip-Hop-Beat („9090“), zu dem einige Fahrgäste erste Raps improvisieren, die von alltäglichen Glückseligkeiten wie dem Smoken von Weed erzählen („Smokeout“ oder „Another 4“). Dann aber wird auf gerader Strecke beschleunigt. Begleitet von rasiermesserscharfen Hi-Hats geraten die Tracks ins Wanken, drohen vom Gleis zu springen – bis DJ Taye die Notbremse zieht. Aus purer Lust daran.

 Still Trippin’ zeigt die ganze Bandbreite von Footwork, der ein bisschen von allem vereint, was das bassfreudige 20. Jahrhundert hervorgebracht hat: Hip-Hop, Jungle, Dubstep, sogar R’n’B, aber stets abstrahiert und aufbereitet für unsere reizüberfluteten Nervensysteme. In „Trippin’“ rappt Taye selbst zu messiaenischen Melodie-Arpeggios und flirrenden Bassdrums. „Need It“ erkennt zweideutige Erotik in klein gehackten Amen-Breaks und bekifften LoFi-Snares. Und immer wieder trifft man auf die schöne Absurdität onomatopoetischer Worte wie „Pop Drop“, die als ultrakurze Wortfetzen den Rhythmus vorgeben. DJ Taye zeigt einmal mehr, dass es bei dem Stil, mit dessen Entstehung der Dadaismus Einzug in die Clubmusik fand, vor allem um eines geht: um die Feier von Leben und Körper.

 

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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