DJ Hell „Zukunftsmusik“ / Review

Fast jeder Ton auf dem neuen DJ-Hell-Album erzählt von einer damaligen Zukunft, die keine schlechte gewesen ist. Zurück bekommt man sie nicht.

Zukunftsmusik. Das sind Erwartungen, die noch nicht eingelöst sind. Dinge, auf die man nicht zählen kann, die aber schön klingen. Ursprünglich war im 19. Jahrhundert damit tatsächlich die neue Musik ihrer Zeit gemeint, etwa die von Berlioz, Chopin oder Wagner. Bei DJ Hells fünftem Album Zukunftsmusik hat diese Zukunft, die da im Titel versprochen wird, schon einiges mitgemacht, die eine oder andere Schramme davongetragen. Vielleicht sind Teile von ihr längst auf dem Schrotthaufen ausrangierter Ideen gelandet.

Mit Zukunftsmusik betreibt Hell eine Art Rückschau auf 30 Jahre Techno-Revolution und andere Entwicklungen, die er miterlebt oder mitgestaltet hat. Doch ist dies kein Club-Album geworden, eher etwas für die Stunden nach dem Tanzen. Nachtmusik, in der mehrere Jahrzehnte elektronischer Errungenschaften an einem vorüberziehen. Der Tonfall ist nostalgisch, die Revolution wird nicht noch einmal angegangen. Stattdessen flackern Erinnerungen an sie auf. So begegnet man einem verhalten quiekenden Roland TB-303-Synthesizer, während der Beat meist unschlüssig pocht oder, noch häufiger, gleich gänzlich ausbleibt.

Diese Zukunftsmusik hat schon die ein oder andere Schramme davongetragen.

Stimmen gibt es dazu viele, sie sprechen fast immer, wie es scheint, durch altehrwürdige Vocoder, mit denen Hell klassische Vorbilder zitiert, allen voran Kraftwerk. In „Wir reiten durch die Nacht“ zum Beispiel oder in „Car Car Car“. Doch das Auto war nicht bloß für Kraftwerk – oder Gary Numan – Gegenstand der poetischen Reflexion, wichtige Kommentare zum Thema Mobilität lieferten auch John Foxx („Burning Car“) oder Cybotron („Cosmic Cars“). In „Car Car Car“ sind Anklänge an diese Proto-Techno- und New Wave-Vorlagen zu hören, wenngleich in melancholisch abgeklärter Form, die sich zunächst nur auf das tautologische „A car is a car“ einzulassen scheint. Ein Abgesang auf den motorisierten Individualverkehr?

Später besinnt Hell sich auf seinen Beitrag zum Electroclash („I Want You“) oder spielt mit seinem Künstlernamen: Zwei eingestreute Interludien tragen den Titel „Inferno“. Diese Zukunft ist keine schlechte gewesen. Zurück bekommt man sie nicht. Davon erzählt jeder Ton auf Zukunftsmusik. Manchmal ein wenig zu pathetisch.

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