Dizzee Rascal „Raskit“ / Review

Foto: Universal Music

Auf seinem sechsten Album will Dizzee Rascal zeigen, wer der König des Grime ist. Stattdessen liefert er mit „Raskit“ ein Beispiel dafür ab, wie das Genre klingt, wenn man es vollends aushöhlt.

Wot u gonna do when your fans don’t care / ‚Cause they’re all grown up and they all moved on?“, heißt es selbstkritisch in „Wot U Gonna Do?“, der ersten Single von Raskit, dem sechsten Album des in Ungnade gefallenen Ex-Grime-Chefs Dizzee Rascal.

Die Frage ist berechtigt: Was tut man, wenn ein kanadischer Trendspitzel wie Drake sich quasi über Nacht einen Londoner Slang aneignet und in irgendwelchen rauen britischen Vierteln im Adidas-Jogger posiert? Und damit genau die Subkultur unterwandert und zu weltweitem Ruhm führt, die Rascal Anfang der Nullerjahre (mit-) etablierte? Rascal zumindest belehrt die neue Generation, wer der eigentliche König des Grime ist.

Die Ausgangslage für Raskit ist eigentlich klar: Während Rascal in jüngster Vergangenheit einen EDM-Teufelspakt mit Calvin Harris und Will.i.am einging, ernteten kompromissloser auftretende Künstler wie Skepta oder Stormzy die Früchte seiner früheren Arbeit. Derweil wiesen Großereignisse wie Drakes Flirt mit dem Cockney-Regiolekt und Kanye Wests Brit-Awards-Auftritt von 2015, der die Bilder der Londoner Unruhen vier Jahre zuvor evozierte, Grime den Weg aus dem britischen Untergrund.Von diesem kulturellen Austausch profitierten letztlich beide Parteien: Die Szenegranden konnten sich mit fremden Errungenschaften schmücken, während die Grime-Szene verstärkte Aufmerksamkeit genoss.

Dass Dizzee Rascal gerade jetzt bekanntgibt, wieder zu seinen Grime-Wurzeln zurückkehren zu wollen, ist also kein Zufall. Sein Versprechen, auf Raskit so viel britischen Slang wie noch nie zu benutzen, schwankt jedoch zwischen löblicher Rückbesinnung und albernem Opportunismus. Integre Intention oder nicht, Raskit verneint innerhalb von sechzehn Tracks verwässernde Featurewirtschaft oder seifige Refrains als Gleitmittel und rüstet gegen die Konkurrenz, das gescheiterte London und den Budenzauber der britischen Politik auf.

Manöver in Richtung amerikanischem Markt oder  clevere Retourkutsche für Drake und Kanye?

 

Dabei verzichtet Rascal fast gänzlich auf die genretypischen Video-Game-Samples und jene Anleihen aus der britischen Ravekultur, die sein 2003 erschienenes Debüt Boy In Da Corner zum Klassiker machten. Stattdessen ersetzt er sie durch eine breitflächige und sterile Hip-Hop-Produktion von amerikanischen Produzenten wie Salva (Future, Wiz Khalifa u.a.) oder Valentino Khan (B.o.B. u.a.).

Wenn Rascal diese flachen Beats nun im besten Cockney-Englisch mit hakenschlagenden Reimketten unterfüttert, glimmt lediglich ein ermüdeter Funken Grime auf. Denn Rascal kann noch so viele englische Slang-Begriffe in die Tracks einbauen, die gesichtslose Produktion scheitert daran, Grime zu emulieren. Übrig bleibt eine von allen Unreinheiten befreite Aushöhlung der Subkultur, die man selbst revolutioniert hat.

Raskit liefert letztendlich eine ebenso ort- und kontextlose Vorstellung von Grime, wie ihn sich Drake in seiner Villa in Los Angeles zusammenreimt. Einen Höhepunkt an Ironie erreicht das Album, wenn Rascal den Album-Closer „Man Of The Hour“ ausgerechnet mit jenem G-Funk-Pfeifton beendet, der synonym für den Hip-Hop der amerikanischen Westküste steht. Ist das nun ein Manöver in Richtung amerikanischem Markt oder eine clevere Retourkutsche für Drake und Kanye? So oder so, Raskit bewegt sich irgendwo zwischen Minderwertigkeitskomplex und halbherziger Wiedergutmachung. Grime kommt Rascal damit jedenfalls nicht näher.

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