Dizzee Rascal Maths & English

Wie steht es eigentlich um Grime? Im Oktober vergangenen Jahres stellten Roll Deep einen Track zur »Tate Tracks«-Compilation zur Verfügung: Die Skulptur »Ishi's Light« der indischen Künstlerin Anish Kapoor führte zu »Searching«. Flow Dan konstatierte hier: »When I look into the mirror I see me, nothing else / Close your eyes tight, and meditate at night / Look real deep, real deep into yourself / Cos life's a lot more than sight, taste and smell / But all is not well, with all the pennies of the world / Search the answer, and question yourself«. Standortbestimmung, knappe drei Jahre nachdem Dizzee Rascal mit »Boy In Da Corner« und dem damit einhergehenden Erfolg seinen alten Buddies den Weg in die Tate Modern geebnet hat. Wo steht Grime, wenn Dubstep das neue Ding ist? Wo stehen Roll Deep, wenn deren Wortführer Wiley seinen Rückzug ankündigt? Wo steht eine Szene, die nie Szene sein wollte aber immer als solche wahrgenommen wurde? Die Antwort könnte lauten: Auf Underground haben die wenigsten Lust!

    Im März erschien »Rules & Regulations«, in Kürze veröffentlichen Roll Deep ihr neues Album, Nachfolger des mit Gold ausgezeichneten »In At The Deep End«. Tinchy Strider rappt solo über »Mainstream Money« und lässt in »Breakaway« Zeilen wie »I just want a better Life« droppen. Skepta arbeitet ebenfalls an einem Solo-Album, in »Fuckin Widda Team« fährt er die Ellenbogen weit aus: »Dizzee Rascal should’ve called my phone / ’cos we regulate all the Class A-sales«. Gute Freundschaft klingt anders. Es wäre ihr gutes Recht ebenso erfolgreich zu sein wie ihr ehemaliger Roll Deep-Buddy Dizzee Rascal, der Mercury-Preisträger und mittlerweile mit Dirtee Stank selbstständige Labelmacher.
    Statt dessen dicke Luft: »Playtime Is Over«, sagen sowohl Wiley als auch Roll Deep, Dizzee jedenfalls ist der »Badman«, so kann man den Diss auf dem Roll Deep-Myspace lesen: »He don’t use his love when he’s on the road / that’s why he’s left alone«. Wo aber sollte Rascal alias Dylan Mills – »Da boy in da corner« – schon anders hin, als raus aus der Ecke, raus aus der Deckung, raus aus Londons East End? Er musste sich ändern, musste wachsen, musste auf das nächste Level: Andernfalls wären Roll Deep vielleicht auch nur eine Randerscheinung geblieben, so war Dizzee auch gleichzeitig ihre Chance.

    Rascal will weiter, hat keine Lust mehr auf schlechtes Leben: »I’ve seen the bigger picture / it’s all good / there’s a world outside of the hood«, spuckt er gleich zu Beginn, hypnotisch langsam, repitetiv, die Messer wetzend. »Pussyole (Old Skool)« sei keineswegs ein Diss gegen Wiley, wie Dizzee nicht müde wird zu betonen, dafür ist es eine Verneigung vor Rob Base’ und DJ E-Z Rock’s »It Takes Two« bzw. deren signifikanten Sample aus Lyn Collins »Think About It«, hier von Rascal und dem Produzenten Cage in einen Betonklotz von Bass gegossen. Symptomatisch für »Maths & English« sind diese und weitere Referenzen an den Mainstream: Die beiden Stücke »Temptation« und »Wanna Be« mit Gastbeiträgen der Indie-Darlings Alex Turner (Arctic Monkeys) und Lily Allen zum Beispiel, oder »Where’s Da G’s« mit vereinzelnt eingestreuten Samples jener Sorte Westcoast-Beats, die N.W.A. mit »Straight Outta Compton« weltberühmt gemacht haben, hier allerdings mit den beiden Südstaaten-MCs Pimp C und Bun B. »Flex« wiederum pumpt den 2Step-Beat mit Bläsern auf, das darauf folgende »Da Feelin’« zeigt sich als Happy-Drum&Bass, als Strandbar-Banger, von dem Londoner Produzenten-Team Shy FX und T. Power programmiert. »Suck My Dick« mit Rascals ersten Versuchen, den Rap durch Gesang zu ersetzen scheitert zwar vorzüglich, vor allem an der Dämlichkeit seiner burschikosen Lyrics. Dafür aber, dass das auf der Querflöte eingespielte Sample des Kinderliedes »Yankee Doodle« in Verbindung mit dem Abschluss »Suck my big, black dick« einen gewissen kompositorisch-genialen Eindruck hinterlässt, muss man ihm Respekt entgegenbringen.
    »Maths & English« ist Dizzee Rascals Pop-Album, der Gegenentwurf zu »Boy In Da Corner« und eine weiterentwickelte Form von »Showtime«. Zugänglicher als je zuvor öffnet sich Rascal dem Hiphop, entwickelt seine Ideen und damit sich selbst weiter, bleibt wiedererkennbar und glaubwürdig, mit Spitting auf höchstem Niveau und Tempo. Was man sich immer noch vor Augen halten muss: Der Mann ist gerade mal 22 Jahre alt. Zeit, mit Grime alt zu werden, bleibt ihm also noch genug. Jetzt wird erst einmal die Rente gesichert.

LABEL: XL Recordings / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 08.06.2007

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